vorgeschlagen für den Sonntag Rogate, 17.Mai 2020

5 Wenn ihr betet, seid nicht wie die Heuchler, die es lieben, in den Synagogen und an Straßenecken stehend zu beten, damit die Menschen sie sehen können. Ja! Ich sage euch, sie haben ihre Belohnung bereits! 6 Du aber, wenn du betest. Geh in dein Zimmer, schließ die Tür und bete zu deinem Vater. Dein Vater, der sieht, was im Geheimen getan wird, wird dich belohnen. 7 Und wenn ihr betet, plappert nicht dahin wie die Heiden, die glauben, dass Gott sie besser hört, wenn sie viel reden. 8 Seid nicht wie sie, denn euer Vater im Himmel weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn bittet. 9 Betet ihr deshalb folgendermaßen:
Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.
10 Dein Reich kommt, dein Wille wird getan auf Erden wie im Himmel.
11 Du gibst uns die Nahrung, die wir brauchen.
12 Du vergibst uns, was wir an Unrecht getan haben, wie auch wir vergeben denen, die an uns ein Unrecht getan haben.
13 Führe uns in der schweren Prüfung und bewahre uns vor dem Bösen. Denn Königtum, Macht und Herrlichkeit sind für immer dein.
14 Denn wenn ihr anderen ihre Kränkungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; 15 aber wenn ihr anderen ihre Kränkungen nicht vergebt, wird euer himmlischer Vater euch die euren nicht vergeben.

Jüdisches Neues Testament, David Stern, Hänssler-Verlag 1994

Gebet im „Kämmerlein“

Dieser Sonntag Rogate heißt übersetzt: Bete! Im Predigttext lehrt Jesus seine Nachfolger das Beten. Können sie es etwa nicht? Wissen sie als Juden nicht, wie man betet?
Wie es überall ist, gibt es positive und negative Beispiele für die religiösen Praktiken, weshalb Jesus zum einen vor Juden warnt, die gesehen werden wollen. Ich kenne das auch aus meiner christlichen Kindheit. Als Selbstständige musste man sich mindestens an den Feiertagen in der Kirche sehen lassen. Nicht, dass man nicht auch an Gott geglaubt hätte, aber in der Heimatgemeinde nicht ganz unsichtbar zu sein, hat je nach gesellschaftlicher Stellung eine große Bedeutung.
Dann warnt Jesus vor den Heiden, also vor den Nichtjuden, den Götzenverehrern, die mit vielen Worten meinten, die Götter auf ihre Seite ziehen zu können. Aber der Gott der Bibel ist ein Gott der Beziehung. (Auch in den Links ausgeführt.). ER ist ein Vater, der Seine Kinder hört, ehe sie rufen.
Gebete in der Zurückgezogenheit finden wir bei Elia und Elischa.
Elija ging zu einer Witwe in Sarepta, die ihm aus den letzten Resten ihres Mehls Fladen buk und danach erleben durfte, wie Mehl und Öl während der gesamten Zeit der Hungersnot in ihrem Topf und im Krug nicht versiegten. Aber dann starb ihr Sohn, der letzte Verwandte, der ihr geblieben war. Elia nahm ihn auf den Arm und trug ihn in seine Kammer im Obergemach, wo er für den Jungen betete und Gott ihn wieder zum Leben erweckte.
1.Kö.17, 19Er antwortete ihr: Gib mir deinen Sohn. Und er nahm ihn aus ihren Armen, trug ihn hinauf in das Obergemach, wo er wohnte, und legte ihn auf sein Bett.
Elia will keine Zuschauer, denn es geht nicht um ihn als den Wundertäter, sondern es geht um sein Gebet zu seinem Gott. Nach der Erweckung trägt er den Jungen wieder zu seiner Mutter. Es gibt nichts Sehenswertes in dem Raum, in dem Gott wirkte.
Auch Elischa wird zu einem toten Jungen gerufen, dem sein Knecht Gehasi nicht helfen konnte. Später erfahren wir von Gehasi, dass sein Herz nicht lauter war und er nach Lohn und Reichtum gierte. Aber Elischa konnte dem Jungen helfen, nachdem er sich mit ihm in dessen Kammer eingeschlossen hatte.
2.Kö.4,32Als nun Elisa ins Haus kam, siehe, da lag der Knabe tot auf seinem Bette.  33Er ging hinein, schloss die Türe hinter ihnen beiden zu und betete zum Herrn. 
Aus Anlass der Corona-Pandemie habe ich einige Gedanken zu Jesaja 26 aufgeschrieben, denn auch dort ermahnt Gott, sich in die eigene Kammer einzuschließen und dort das Unheil abzuwarten. Abwarten heißt aber auch, mit Gott in dieser Verborgenheit in zu Beziehung treten.
Abraham als ersten Beter sehen wir des Nachts allein unter dem Sternenzelt. In der Stille der Nacht spricht er mit Gott und Gott mit ihm. Auch bei seinem Gebet für Sodom und Gomorra fehlen ihm die Zuschauer.
Gen.15, 5Und er führte ihn hinaus und sprach: Schaue gen Himmel und zähle die Sterne – ob du sie zählen kannst? Und er verhieß ihm: So sollen deine Nachkommen sein. 
Sogar Mose, der immer wieder zu Pharao gerufen wird, zieht sich zurück, wenn er Fürbitte halten soll. Er stellt sich nicht mit seinem Gebet zu Gott in den Mittelpunkt.
Ex.10,18 Und Mose ging hinaus vom Pharao und betete zum Herrn. 

Ist Gottes Lohn anstößig?

Bei Abraham lernen wir auch, dass Gott Seinen Kindern Lohn in Aussicht stellt. Zum einen ist Gott selbst Lohn für die, die Seinen Weisungen folgen. Für Abraham werden es zusätzlich die Nachkommen sein, die zahlreich wie die Sterne des Himmels werden.
Gen.15,1 DARNACH erging an Abram in einem Gesichte das Wort des Herrn: Fürchte dich nicht, Abram, ich bin dein Schild; dein wartet reicher Lohn.
Ruth, die Moabiterin, hatte ihr Elternhaus und ihre Heimat verlassen. Als Fremde und Zugehörige zu einem feindlichen Volk begleitete sie ihre Schwiegermutter Noomi nach Bethlehem, wo sie für den gemeinsamen Lebensunterhalt sorgte. Daraufhin wünscht ihr Boas, den sie später heiraten wird:
Rut2,12 Vergelte ER dir dein Werk und dir werde gültiger Lohn von IHM, dem Gott Jissraels unter dessen Flügeln dich zu bergen du kamst!
Für sie und Noomi wird der Lohn fassbar, als Boas, ihr Löser, sie heiratet und die beiden einen Sohn bekommen, den Noomi anstelle ihrer verstorbenen Söhne annimmt.
Es gibt Lohn bei Gott in der kommenden Welt, aber auch fassbaren Lohn hier. David weiß, dass die Gebote Gottes, wenn man ihnen folgt, Lohn nach sich ziehen.
Ps.19,12 Auch dein Knecht hat ihre Warnung vernommen; / wer sie hält, dem wird reicher Lohn. 
Der Lohn kann sich dadurch ausdrücken, dass dem Gläubigen Irrwege erspart bleiben; dass er Sinn auch dann im Leben findet, wenn sich Lebenssituationen gerade nicht wie Lohn anfühlen.
Der Prophet Hosea warnt wie Jesus vor dem falschen Lohn. Wenn der materielle, irdische Lohn wichtiger ist als Gottes Weisungen, dann ist das für Gott ein Bundesbruch, ein Treuebruch, und dann ist Lohn von Gott nicht zu erwarten. Die Entscheidung heißt also: Von wem will ich belohnt werden?
Hos.9,1 FREUE dich nicht, Israel, frohlocke nicht wie die Völker, dass du treulos deinen Gott verlassen, Buhlerlohn auf allen Korntennen geliebt hast.
Wir müssen uns also des Lohnes nicht schämen. Der Arbeiter ist seines Lohnes wert, auch der Arbeiter im Reich Gottes. Jesus fragt lediglich nach unserer Herzenshaltung. Lohn verdient jeder.
Dtn.25,4 Du sollst dem Ochsen, wenn er drischt, das Maul nicht verbinden. 
Dieser Bibelvers schaffte es in unsere Redewendungen, mit denen wir genau das oben erklärte ausdrücken: Jeder, Mensch und Tier, bekommt seinen Lohn. Die Bibel Jesu forderte dieses Recht für die Praxis ein. Ebenso schreibt Paulus an Timotheus:
1. Tim.5,17DIE Ältesten, die gut vorstehen, sollen doppelter Ehre wert geachtet werden, besonders die, welche in Wort und Lehre arbeiten.  18Denn die Schrift sagt: «Einem Ochsen sollst du, wenn er drischt, das Maul nicht verbinden», und: «Der Arbeiter ist seines Lohnes wert.» Einen jüdischen Beleg finden wir in einem besonderen Abschnitt des Talmud, den „Sprüchen der Väter“.

„Rabbi Elasar sagt: Sei fleißig im Torastudium und wisse, was dem Ungläubigen zu antworten; wisse, vor wem du dich abmühst und wer dein Arbeitgeber ist, und dass ER dir den Lohn für deine Mühe geben wird.“

„Sprüche der Väter“, Kap.2,19

Was ist Gebet gemäß jüdischem Verständnis ?

Es gibt einen Refraintext eines Liedes, den ich sehr mag:

Beten ist reden mit Gott und hören.
Beten kann Sorge in Freude kehren.
Gott hat versprochen Gebet zu erhören.
Bete und nimm ihn beim Wort.

„Kennt ihr schon den Bericht von Petrus?“ Manfred Siebald

Jesus als jüdischer Rabbi wusste, dass der himmlische Vater jedes Gebet erhört. Und er wusste aus seiner heiligen Schrift, dass Gott um all unsere Anliegen weiß, bevor wir zu IHM rufen.
Jes.30, 19 Ja, du Volk in Zion, das zu Jerusalem wohnt, weinen wirst du nicht! Erbarmen wird er sich deiner, wenn du (zu ihm) schreist; kaum vernimmt er’s, hat er dich schon erhört. 
Jes.65,24
Und ehe sie rufen, werde ich antworten; während sie noch reden, werde ich erhören. 
Ps.91,15 Er ruft mich an, und ich erhöre ihn: ich bin bei ihm in der Not, reiße ihn heraus und bringe ihn zu Ehren.  (vgl. Ps. 50,15)
Es gibt auch Situationen, in denen Gott sagte: ICH werde nicht hören, weil ihr nicht auf mich gehört habt.
Mich 3:4 dannzumal werden sie zu dem Herrn schreien, aber er wird sie nicht erhören; er wird sein Angesicht vor ihnen verbergen zu jener Zeit, weil sie so schlecht gehandelt haben.
Für beide Situationen gibt es noch viele biblische Beispiele. Was wir aber betrachten wollen, ist das Gebet in seiner jüdischen Bedeutung.
Das Verb beten = lehitpalel לְהִתְפַּלֵּל ist reflexiv, fordert also den Rückbezug zum Beter selbst. Die Wurzel palal פלל bedeutet Anschuldigung, Vergehen. In Bezug auf das Gebet ist gemeint, dass der Beter „mit sich selbst ins Gericht geht“. Niemand setzt ihn auf den Platz eines Angeklagten, aber er prüft sich und seine Herzenshaltung, mit der er vor Gott erscheint. Zu solch einer Lebensbilanzierung bedarf es keiner Zuschauer. Dazu braucht es die Kammer, in die der Beter sich zurückzieht und dort seinem Gott begegnet. Gottes Herz ist weit geöffnet für solche ernsthaften und ehrlichen Begegnungen. Dann kann auch alles vor IHM ausgesprochen werden.
Aus den Psalmen wissen wir, welche Art von Gebeten in einer solchen Gebetshaltung ausgesprochen werden dürfen. Es kann das Sündenbekenntnis sein, wie David es nach dem Ehebruch mit Batseba in Ps.51 betete. Es können Lobpsalmen sein wie Ps.100 oder 150. Einige der Lobpsalmen verfasste David schon für die Liturgie im Tempel, obwohl er diesen gar nicht erleben durfte. Aber er war so erfüllt von diesem bevorstehenden Ereignis, dass seine Freude und Dankbarkeit ihn zu solchen Psalmen inspirierten.
David klagte verzweifelt vor Gott (Ps.55), aber er bekennt auch, wie Gott ihn aller Klage entriss.
Ps.30,12 da hast du mir meine Klage in Reigen verwandelt, / mein Trauerkleid gelöst, mich mit Freude gegürtet, 
David kann Gott anklagen: Ps.76, 8Furchtbar bist du! Wer kann bestehen / vor dir ob der Gewalt deines Zorns?
Keine Gefühlsregung ist im Gebet verboten, denn Gott will unsere Ehrlichkeit und Hinwendung zu IHM. Abraham warf Gott vor, ungerecht zu sein, wenn ER nicht die Gerechten aus Sodom und Gomorra retten würde.
Gen.18,23 Nun trat Abraham vor und sprach: Willst du wirklich den Bewährten raffen mit dem Frevler?
Bei seiner Berufung fürchtete Mose sich nicht, immer wieder Ausflüchte zu finden, um sich nicht von Gott senden zu lassen. (Ex.3,10-4,17) Ein langer Dialog, in dem Gott erst in 4,14 der Geduldsfaden reißt.
Es gibt keine Vorschriften für das Gespräch mit Gott, wenn ich mein Herz geprüft habe; wenn ich mir gewiss bin, in welcher Absicht ich vor Gott trete. Suche ich IHN, oder will ich im Mittelpunkt stehen?
Es gibt bekanntlich das gemeinsame Gebet in der Synagoge, für das die Rabbiner einen Minjan – eine Mindestanzahl 10 erwachsener Männer –  vorschrieben, weil sie von Abraham lernten, dass zehn Gerechte Gottes Gericht hätten abwenden können. Es gibt Gebete, in denen sich der Beter aufgefangen wissen soll von der Gemeinschaft, z.B. beim Kaddisch, das er für nahe, verstorbene Angehörige spricht. Auch Lobpreis kann in die Gemeinschaft gehören, wie wir es in der Predigt zu 2. Chronik 5 gelesen haben. Das Lob der Leviten und Israeliten zur Einweihung des Tempels erschallte wie eine Stimme, so dass Gott den Tempel mit seiner Wolke der Gegenwart erfüllte.
Trotzdem zählt das Gebet eines Einzelnen nicht weniger. Das können wir wieder dem Talmud entnehmen.

Rabbi Chalafta… sagt: Wenn 10 Leute zusammen sitzen und sich mit der Tora beschäftigen, so weilt Gottes Gegenwart unter ihnen, wie es heißt: Gott weilt in der Gottesgemeinde (Ps.82,1). Woher wissen wir, dass dies auch bei 5 gilt? Weil es heißt: Sein Bund steht fest auf Erden (Amos 9,6). Woher weiß man, dass dies auch bei 3 gilt? Weil es heißt: Gott richtet inmitten von Richtern (Ps.82,1)[immer drei Richter]. Woher weiß  man, dass dies auch bei 2 gilt? Weil es heißt: Dann reden Gottesfürchtige einer zum anderen, Gott beachtet dies und hört (Maleachi 3,16). Woher weiß man, dass dies auch bei einem gilt (der sich mit der Tora beschäftigt)? Weil es heißt: Überall wo ich meinen Namen erwähnen lasse, komme ich zu dir und segne dich (Ex.20,24).

„Sprüche der Väter“ Kap.3,7

Niemand sage also, nur für Christen gelte das Prinzip von zwei oder drei! Für das Judentum lesen wir vom Segen für den Einzelnen, denn das Torastudium und Gebet sind eng miteinander verbunden. Mit beidem begegnet man Gott.

Vater unser, der du bist im Himmel

Diese Gebetsansprache ist in jüdischen Gebeten sehr bekannt. Sie lautet: Awinu sche baSchamajim אבינו שבשמיים. Daneben gibt es die Ansprache von „Vater der Barmherzigkeit“ Aw haRachamim אב הרחמים. In der Bibel finden wir die Grundlage für diese vertraute Anrede im Propheten Jesaja, Kap.63,16 denn du bist unser Vater! Abraham weiß ja nicht von uns, und Israel kennt uns nicht; du, Herr, bist unser Vater, «Unser Erlöser» ist dein Name von Urzeit an. 
Mal.2,10 Haben wir nicht alle einen Vater? hat uns nicht ein Gott geschaffen? Warum handeln wir denn treulos aneinander und entweihen den Bund unsrer Väter?
Gott, der Heilige, der sich das Volk Israel anheiligte, erwartet von diesem Volk, dass es IHN und Seinen Namen heiligt.
Lev.22,32 Daß ihr meinen heiligen Namen nicht entheiligt, und ich geheiligt werde unter den Kindern Israel; denn ich bin der HERR, der euch heiligt,
Die ersten Aussagen Gottes im Zehnwort am Sinai beziehen sich auf die unbedingte Heiligkeit Gottes:
Ex.20,2 ICH bin dein Gott, der ich dich führte aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Dienstbarkeit. Nicht wirst du andere Gottheit mir gegenüber haben.
Ex.20,7 Du wirst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

Somit ist Jesu Anliegen gerechtfertigt, zuerst im Gebet Gott zu ehren und zu heiligen, wie es ebenso Teil der Synagogengebete ist im Teil der „Heiligung“.
Für das so bekannte Gebet, das allsonntäglich in den Kirchen gebetet wird, muss erklärt werden, dass es nicht im Konjunktiv stehen kann, da es diese Zeitform im Hebräischen nicht gibt. Da Jesus Hebräisch sprechender Jude war, kann er seine Nachfolger so nicht gelehrt haben. Dafür aber in der Form der Gewissheit. Du gibst uns, was wir täglich zum Leben brauchen, denn das haben wir sogar in der dürren Wüste erfahren. Du vergibst uns, denn wenn wir Dein Angesicht suchen, bist du voller Erbarmen. Dieses Wort darf der Beter seinem Gott sogar „ins Gedächtnis“ rufen, sich vor Gott auf Seine Verheißungen berufen.
Ps.27,8 Mein Herz hält dir vor dein Wort: »Ihr sollt mein Antlitz suchen.« Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz. 
Auch führt Gott Seine Kinder nicht in die Versuchung, sondern durch die Versuchung. In unseren Bibeln lesen wir häufig: Gott versuchte… Doch dabei geht es nicht um eine Versuchung zum Bösen, sondern Gott gibt uns die Gelegenheit einer Prüfung mit dem Ziel, dass wir sie bestehen. Durch solche „Prüfungen“ erfahren wir, wie viel unser Glaube wert ist, wie er uns in harten Lebenslagen stärkt und vor falschen Wegen bewahrt.
Jakobus warnt vor dieser Sicht auf die Versuchungen des Lebens. Jak.1,13  Niemand sage, wenn er versucht wird, daß er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. 14 Sondern ein jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird.
Die Verantwortung liegt also im eigenen Lebensstil und bedarf der Besinnung und Bilanzierung im eigenen Kämmerlein.
Wir wissen, dass Gott das Gute und das Böse geschaffen hat.
Jes.45,7 BRU der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der den Frieden macht und das Übel schafft, ICH bins, der all dies macht.
Klg.3,38 BRU Fährts nicht vom Munde des Höchsten aus, die Bösgeschicke und das Gute?
Es ist gut, zu wissen, dass wir darum NIE aus IHM herausfallen können. Aber das Prinzip des Verführers zu Versuchungen erklärt uns der Prolog im Buch Hiob, wo Gott den Satan = Hinderer beauftragt. Er ist einer der vielen Gottessöhne und braucht von Gott die Erlaubnis, im Fall von Hiob sogar den Hinweis auf den braven Hiob. Ansonsten kann dieser Satan nichts ausrichten; er kann nicht eigenständig handeln.
Wie Gott Sein Volk durch Krisen führte, gehört zur unumstößlichen jüdischen Gedenkkultur in den Festen, die in der letztwöchigen Parascha Emor erklärt wurden. Pinchas Lapide schlägt darum die folgende Übersetzung dieser Bitte des Vater-unsers vor: Lass mich nicht der Versuchung unterliegen.[1]
Später präferierte er die Übersetzung: Führe mich IN der Versuchung.
Das Vorrecht des Gebets und die Anrede Gottes als Vater wurden Christen aus dem Judentum geschenkt, von dem Juden, der seine jüdische Bibel in- und auswendig kannte sowie die jüdische Gebetspraxis. Es lohnt sich auch heute, jüdische Gebete in einem jüdischen Gebetbuch (Siddur) nachzulesen, um den tiefen Reichtum dieser Gebetspraxis zu erkennen.

Eine Variante des „Vater unser“ von Yuval Lapide

Mein Mann Yuval fertigte nach den Erkenntnissen seines Vaters und seines eigenen Bibelstudium eine Übersetzung des Vater-unsers an, das dem Gebet Jesu im hebräischen Denken und Beten näher kommt.

„Vater Unser im Himmel“-  ein großes jüdisches Gebet,das Juden und Christen tief miteinander verbindet
Vater unser im Himmel und auf Erden,
geheiligt wird Dein heiliger Name.
Dein Königreich ist angebrochen.
Dein Schöpfer-Wille geschieht,
wie im Himmel so auf Erden.
(Ex 19,6; JES 66,1.2;MAL 2,10)
Unser tägliches Brot gibst du uns heute,
und  vergibst uns unsere Schuld,
nachdem wir vergeben haben unseren Schuldigern.
(MAT 5,23-26)
Du  führst uns in der Versuchung,
und gibst uns die Kraft, die Neigung zum Bösen in diejenige zum Guten zu verwandeln,
indem wir das Böse meiden, das Gute tun,
Frieden suchen und ihm nachjagen.
(MAT 18,7; LUK 17,1; MK 9,50; JAK 1,13-18; RÖM 12,21; PS 34,14.15)
Wir  loben deine göttliche Majestät,
dein Königreich der reinen Liebe
und Menschlichkeit, das uns bevorsteht,
die wunder-wirkende Kraft deines Geistes,
deine Herrlichkeit, die uns jetzt schon überstrahlt,
deinen Sieg über den Tod –
in dieser vergänglichen wie in der kommenden unvergänglichen Welt.
(SACH 4,6; 1 CHR 29,10-12)
Unser Gott, wir danken dir
und preisen deinen großen Namen. 
 Amen Amen Amen.

Aus  traditionellen  jüdischen  Quellen neu „gebaut“ durch den Brückenbauer Yuval  Lapide
www.yuval-lapide.de

[1] Pinchas Lapide, Ist die Bibel richtig übersetzt? Bd.1+2, Güthersloh 2004, S.131

2 thoughts on “Gedanken zur Predigt Matthäus 6,5-15

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