Anlässlich der Schloschim, 30 Tage nach ihrem Heimgang

Liebe Ruth, wertgeschätzte Schwiegermutter,
du gingst am 30. August diesen Jahres, vor 30 Tagen, in deine Welt, so drücken wir es in deiner hebräischen Kindheitssprache aus, du gingst in die andere, auf uns alle zukommende, verborgene Welt.

Wie sehr gönnen wir dir dieses Heimkommen zu all denen, die dir vorangegangen sind, von deinen Eltern und Pinchas bis hin zu unser aller Ahnen Abraham und Sara. Welch Freude des Wiedersehens wird es in der anderen Welt geben, in der Gott dir und allen Heimgegangenen die Lasten dieser Welt abgenommen hat. Ihr werdet euch erkennen in eurer Liebe, und auch den Sinn all der Schmerzen auf Erden verstehen. Ob du mit Pinchas seinen 100. Geburtstag begehst, den er im November hätte? Wir „Zurück-gebliebenen“ können diese Freiheit und diese Freude, in der Nähe Gottes mit allen Lieben vereint zu sein, nicht ermessen, nur erahnen.

Du begleitetest Pinchas 1967 auf seiner Vortragsreise nach Miami

Jetzt, da du dein weltliches und von seelischen Schmerzen belastetes Leben ablegen konntest, fühle ich mich dir besonders nah. Wir telefonierten zwar des Öfteren miteinander, aber da war eine unsichtbare, aber spürbare Grenze, die einen vertraulichen Austausch nicht möglich machte.

Oft weinte ich für dich wegen des Leids, das du erdulden musstest. Wie kann es ein kleines Schulmädchen aushalten, wenn sich die Freundinnen vom einem auf den anderen Tag von ihm abwenden und es als „dreckige Jüdin“ beschimpfen und verhöhnen? Dabei handelt es sich ja nicht um einen Streit unter Kindern, der kurz darauf wieder vergessen ist. Nein, es handelt sich um einen anhaltenden Bruch und Hass durch Indoktrination! Wenn ich an meine Enkel denke, halte ich den Schmerz kaum aus. Sie sind etwa in deinem Alter, als die Schreckensherrschaft hier in Deutschland und in deiner geliebten fränkischen Heimat begann. Dabei lebte die angesehene und an Gott glaubende Familie Rosenblatt seit mindestens vierhundert Jahren in deinem Elternhaus in Burghaslach! Sie war bekannt und beliebt. Dort bekamen sogar die Christenkinder etwas ab von den ungewohnten Mazzot, den ungesäuerten Broten zu Pessach und darüber hinaus.

Wie kann es ein kleines Mädchen aushalten, wenn es sein würdevolles Gotteshaus brennen sieht, wenn es zu nachtschlafender Zeit an der Tür poltert und bedrohliche Männer in Uniform sich gewaltsam Zugang verschaffen, den fürsorglichen  Vater verschleppen? Wenn es selber mitten in dieser grauen-vollen Nacht, dieser Nacht des Grauens, flieht, durch den dunklen Wald weinend und verloren irrt und schließlich von fremden, barmherzigen Armen gerettet wird?

Wochenlang wusstet ihr nicht, wo der Vater war, ob er überhaupt noch lebte. Ihr wurdet mit euren jüdischen Freunden und Nachbarn in einem Gasthaus gefangen gehalten und wusstet nicht, was mit euch geschehen würde. Als dein Vater nach einer grausamen Zeit der Ungewissheit zurückkehrte, musstet ihr euch verbergen, bis Onkel Gustav euch die lebensrettenden Affidavits für das heiße und fremde Palästina zusandte, dem Land der Erzväter, in dem deine Eltern nie richtig heimisch wurden. Onkel Gustav war der Bruder deines Vaters, der schon 1936 die Situation in Deutschland richtig einschätzte und nach Palästina einwanderte. Diese fünf „vereidigten Versicherungen“, für die dein Onkel viel Geld bezahlen musste, retteten dir, deinen Eltern und den Geschwistern deines Vaters das Leben, aber nicht deinen verehrten und geliebten Großeltern mütterlicherseits Otto und Fanny Schneider. Sie starben in Theresienstadt, damit ihr ein neues Leben in einem neuen, alten Land aufbauen konntet und die Chance bekamt, von vorn zu beginnen.

Du wuchst in einem Palästina auf, in dem die Bedrohung durch die Nationalsozialisten fast so real war wie in Deutschland, denn Hitler versprach dem Großmufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini, die Juden auch von dort ins Gas abzutransportieren und Palästina „judenrein“ zu machen. Rommel kam euch im Afrika-Feldzug gefährlich nahe. Doch zu eurem von Gott geschenkten Glück siegten die Briten. Davon hörte ich dich einmal im „Haus am Dom“ sprechen, aber eben als Historikerin.

Die Gefahren verschwanden selbst nicht nach der Staatsgründung Israels. Mittlerweile muss sich deine zweite Heimat seit 74 Jahren gegen seine Feinde wehren. In den ersten Kriegen kämpfte Pinchas unter der Führung Ben Gurions mit. Der Jom-Kippur-Krieg 1973 und die Entführung und Ermordung von Kindern bestärkten dich in deinem Wunsch, in die Heimat deiner Vorfahren zurückzukehren. Die Sorge um dein einziges Kind, deinen Sohn Yuval, brachte dich schier um.

Für Yuval warst du eine liebevolle und fürsorgliche Mutter. Dir selbst strahlt das Glück aus den Augen.

Du hast nie, nicht mit einer Silbe, über die schmerzhaften Erlebnisse deines Lebens öffentlich gesprochen. Sogar privat hast du geschwiegen, sodass Yuval sie nach und nach in Erfahrung brachte, rekonstruierte. Du wolltest deinen Sohn, deinen Stammhalter, nicht belasten. Doch das Gegenteil ist der Fall, wenn Eltern sich in Schweigen hüllen, was die Psychologie später zu erklären wusste. Doch das änderte deine Haltung nicht, es war ein Tabu. Mit Pinchas hattest du dir eine Lebensaufgabe gestellt, und da hatten Erinnerungen und Gefühle keinen Platz. Sie wurden gut in der Tiefe deiner Seele vergraben.

Diese Dinge ließen mich zuletzt verstehen, warum du so warst, wie du warst. Du warst eine so Gewordene durch die Schuld meiner Vorfahrengeneration, in der das Undenkbare und Unsagbare konkrete, grauenhafte Gestalt annahm. Deine unter dem Mantel des Schweigens verborgenen Erinnerungen waren immer ein Teil von dir, weshalb du niemandem vertrauen konntest. Geschenke konntest du schwerlich annehmen, denn auch sie waren gefühlsbeladen. Du bliebst distanziert, intellektuell und akademisch. In dem Bereich warst du sicher.

Du hattest deinen Mann beim Schreiben seiner Bücher unterstützt und ihn zu seinen Vorträgen und Seminaren begleitet. So hast du von ihm und durch dein eigenes Studium viel gelernt. Du konntest erklären, darlegen, exemplifizieren und warst nie um eine Antwort verlegen. Themen, die Gefühle touchierten, wehrtest du brillant ab. So warst du in deinem Fachgebiet nach dem Tod deines Mannes eine gefragte Expertin für Bibelfragen und eine begehrte Gesprächspartnerin.

Pinchas übergibt das Buch „Rom und die Juden“ dem Erzbischof von Utrecht, Bernard Jan Kardinal Alfrink 

Ich bewunderte Pinchas und dich, dass ihr in das „Land der Täter“ zurückkamt. Und nicht nur das, ihr reichtet sogar den Christen in Deutschland die Hand zur Versöhnung, indem ihr den durch Schalom Ben Chorin begonnenen christlich-jüdischen Dialog fortsetztet. Ohne euer Wirken, ohne Pinchas‘ Buch „Die Bergpredigt – Utopie oder Programm“ hätte ich meinen Weg zu meinen wichtigen Wurzeln nicht gefunden. Dabei lernte ich ebenso die Vorbehalte gegen euch kennen, denn nicht alle Christen besitzen die Größe, ihren Glauben zu reflektieren. Sie sind haben eine „Heiden“- Angst und halten nach alter Schule lieber an kirchlicher Hybris sowie an traditionell Überbrachtem fest. Ihnen entgeht viel, denn sie lernen Jesus nicht authentisch kennen, so wie ihr ihn habt lebendig werden lassen aus euren jüdischen Quellen und euren Hebräischkenntnissen. 

Darüber hinaus durfte ich auf diesem Weg deinen wunderbaren Sohn Yuval kennen lernen, mit dem ich nun bald 12 Jahre glücklich und erfüllt verheiratet sein darf. Er setzt mit Freude und Stolz auf die Arbeit seiner Eltern euer Werk fort. Gerne übernehme ich an seiner Seite deine unterstützende Rolle, anerkennend, dass ich an deinen Wissensschatz nicht heranreiche.

Deine Kinder Yuval und Debora nach deiner Beerdigung

Deine letzten Jahre waren eine Zeit des Rückzugs von der Bühne der Öffentlichkeit. Im Jüdischen Altenheim bekamst du die so nötige Versorgung und helfende Unterstützung, die du aus Scham von deinen Kinder Yuval und mir nicht annahmst. Überlebende der Schoah wollen stark und unabhängig erscheinen, ein bekanntes Phänomen unter den Kindern der Überlebenden. Dein Geist zog sich immer mehr zurück, sodass du vieles nicht mehr wahrnahmst. Uns schien es, als bedeutete diese Phase eine Phase der Ruhe und der Innerlichkeit für dich, die du vorher nicht zuließest.

Jetzt, da du zu Gott gegangen bist, fühle ich mich dir besonders nah. Dein und mein Geburtstag fallen ja auf dasselbe Datum. Welchen Humor Gott doch hat! Ich hätte gerne von dir gelernt, persönlich, nicht aus deinen Fernsehsendungen, bei denen du zurecht viele begeisterte Schüler und Schülerinnen hattest. Wie viel du mir aus deinem reichen Erfahrungsschatz hättest geben können! Ich stelle mir vor, dass du es jetzt noch tun kannst, da dein Schmerz bei Gott geheilt wird. Bat nicht auch Elischa, Elijahu möge ihm von seiner Weisheit einen doppelten Teil zufließen lassen?

Weiter stelle ich mir vor, wie du uns, deinen Kindern, deinen Segen gibst für euer Werk, und für uns als Ehepaar, um ein starkes Team zu sein, wie du und Pinchas es wart. Wir treten in große Fußstapfen, dessen sind wir uns bewusst. Ihr habt das Feld vorbereitet, auf dem wir weiterhin zu ackern und zu pflanzen bereit sind. Und wir sind uns der Abhängigkeit von Gottes Wirken jeden Tag bewusst, der vertrauensvoll das Werk nun in unsere Hände legt.

Wir wissen: Wir sind berufen zur Arbeit unter Christen. Wir sind nicht verpflichtet, die Arbeit zu vollenden; aber es steht uns nicht frei, von ihr abzulassen. (frei nach Rabbi Tarfon, Pirke Avot 2,21)

Schalom, meine liebe Schwiegermutter

Nach getaner Arbeit sehen wir uns wieder. Dann werden wir ohne Grenzen miteinander parlieren, konversieren und einfach vertrauensvoll plaudern.
Schalom
Deine angeheiratete Tochter Debora Lapide

One thought on “Zur Erinnerung an Ruth Lapide 8.06.1929 – 30.08.2022

  1. welch eine herzzerreißende, ehrliche und vertrauliche Abschiedsrede an die Schwiegermutter. Davon müßten noch so viele Gebrauch machen! das sind wunderbare Menschenkinder von Gott gesegnet.

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