Predigttext vorgeschlagen für den 13.08.2023 Israelsonntag

5 Sieh, gelehrt habe ich euch Gesetze und Rechtsgeheiße, wie ER mein Gott mir gebot, so zu tun im Innern des Lands, dahin ihr kommt es zu ererben. 6 Hütets, tuts, denn das ist eure Weisheit und euer Verstand vor den Augen der Völker, die all diese Gesetze hören werden und sprechen: Ja doch, ein weises und verstehendes Volk ist dieser große Stamm! 7 Denn welcher große Stamm ist, der Götter hätte, ihm nah wie ER unser Gott, allwann zu ihm wir rufen! 8 Und welcher große Stamm ist, der Gesetze und Rechtsgeheiße hätte, wahrhaft wie all diese Weisung, die ich heuttags vor euch lege. 9 Jedoch hüte dich, hüte sehr deine Seele, daß du etwa vergäßest der Dinge, die deine Augen sahn, und daß sie etwa aus deinem Herzen wichen – alle Tage deines Lebens. Gib sie zu kennen deinen Söhnen und den Söhnen deiner Söhne: 10 Des Tags, da du standest vor SEINEM deines Gottes Antlitz am Choreb, als ER zu mir sprach: Versammle mir das Volk, daß ich sie meine Rede hören lasse, damit sie lernen mich fürchten alle Tage, die sie selbst auf dem Boden leben, und ihre Söhne lehren, – 11 ihr nahtet, ihr standet unterm Berg, der Berg entzündet im Feuer bis an das Herz des Himmels: Finsternis, Wolke, Wetterdunkel. 12 ER redete zu euch mitten aus dem Feuer – ihr hört Erschallen von Rede, doch ihr seht keine Gestalt, Schall allein. 13 Er meldete euch seinen Bund, den er euch zu tun gebot, die Zehnwortrede, er schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln. 14 Mir aber gebot ER zu jener Frist euch Gesetze und Rechtsgeheiße zu lehren, daß ihr sie tut, in dein Land, dahin ihr schreitet, es zu ererben. 15 Hütet euch sehr um eure Seelen, denn nicht saht ihr allirgend Gestalt am Tag, da ER zu euch redete am Choreb mitten aus dem Feuer: 16 ihr möchtet sonst verderben euch Schnitzgebild machen, Abgestaltung von allerart Form, Bau eines Männlichen oder Weiblichen, 17 Bau allerart Getiers, das auf der Erde ist, Bau allerart Zwitschernden, Befittichten, das am Himmel hinfliegt, Bau allerart am Boden Kriechenden, 18 Bau allerart Fischvolks, das im Wasser ringsunter der Erde ist, 19 du möchtest deine Augen himmelwärts heben, ansehn die Sonne, den Mond und die Sterne, alle Schar des Himmels, abgesprengt werden, dich ihnen neigen, ihnen dienen, die ER dein Gott zuteilte allen Völkern unter allem Himmel, 20 euch aber nahm ER und führte euch aus dem Eisenschmelzofen, aus Ägypten, ihm zu einem Eigentumsvolk zu werden, wies nun am Tag ist.

Den Worten des Mosche ist zu entnehmen, dass Gott die Israeliten nun endlich mit dem Eintritt in ihr versprochenes Land als ein Volk und eine Nation sehen möchte. Dazu gab Gott Seinen Kindern schon am Sinai Gesetze und Rechtsgeheiße, חֻקִּים וּמִשְׁפָּטִים Chukim u’mischpatim, die sie als eine rechtsstaatliche Nation mit Gesetzen und Rechtsprechung auszeichnen. Kein Volk kann ohne Gesetze ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden garantieren. חֻקִּים Chukim sind Gebote, deren Sinn nicht zu verstehen ist wie beispielsweise den Koschergeboten, bei denen die Menschen Gott vertrauen, dass deren Befolgung ihnen zum Guten dient. מִשְׁפָּטִים Mischpatim sind die Gesetze, die von einem Gericht durch Richter und deren Rechtsspruch  durchgesetzt werden und so einem Rechtsstaat die Grundlage verschaffen.

Interessant ist, dass die heidnischen Nationen die Weisheit dieser unterschiedlichen Gesetze und Gebote erkennen und Israel darum beneiden. Sie erkennen, dass es niemals einen Volksstamm gab, der über eine derartige Rechtsprechung verfügte. Darum verpflichtet Mosche das Volk Israel, all diese Gesetze und Gebote einzuhalten, zu befolgen, denn dadurch werden Weisheit und Verstand Israels für die umliegenden Völker deutlich erkennbar. Sie haben ihre Götter, aber woher hätten sie das lernen sollen, was Israel von seinem Gott lernte?!

Hütet die Gesetze! Tut sie, füllt sie mit Leben! Tut all dies für eure Seelen, die danach hungern und dürsten! Unser Gott weiß, was uns gut tut. ER kennt unsere Seelen und weiß, dass sie sich nach der Verbindung mit ihrem Schöpfer sehnen.
Wie aber kann man die Gesetze hüten und tun? Das Tun ist dabei weniger die Frage, denn ich bin gefordert, meinem Nächsten zu helfen, ebenso seinem Vieh, für das Wohlergehen der Witwe und der Waisen zu sorgen, beim Bau des Hauses einen Zaun auf dem Dach anzubringen, bei der Ernte für Bedürftige eine Ecke stehen zu lassen, all das muss ich einfach nur tun. Aber die Gesetze hüten geschieht dadurch, dass ich sie nicht vergesse, dass ich sie an die nächste Generation weitergebe. Mit all den Gesetzen sind Werte verbunden, mit denen schon die Kinder aufwachsen dürfen.

Gläubige Juden beten zweimal am Tag das Schma Israel. Es ist kein Bekenntnis, sondern ein Appell Gottes an Seine Kinder, IHM zu dienen, IHM zu gehorchen und zu gehören, sich zu IHM zu bekennen.
Dtn. 6,4-9 Höre Jissrael: ER unser Gott, ER Einer! 5 Liebe denn IHN deinen Gott mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele, mit all deiner Macht. 6 Es seien diese Reden, die ich heuttags dir gebiete, auf deinem Herzen, 7 einschärfe sie deinen Söhnen, rede davon, wann du sitzest in deinem Haus und wann du gehst auf den Weg, wann du dich legst und wann du dich erhebst, 8 knote sie zu einem Zeichen an deine Hand, sie seien zu Gebind zwischen deinen Augen, 9 schreibe sie an die Pfosten deines Hauses und in deine Tore!
Auch hier ist ein zentrales Gebot, die Liebe zu dem EINEN Gott und Seine Gebote die Kinder nicht nur zu lehren, sondern sie ihnen einzuschärfen. Das geht ohne Zwang, Druck und Strenge dann, wenn die Erziehung hin zum Wort Gottes schon früh und mit viel Liebe beginnt, wenn die Kinder den Glauben und das Leben ihrer Eltern sehen, wenn für die Eltern dieser liebevolle, große Gott auf allen Wegen wichtig ist und sie sich Seiner nicht schämen.

Zum Hüten gehört das Erinnern an Gottes Taten für Sein Volk. Darum feiert Israel bis heute Schawuot, um sich daran zu erinnern, dass es am Berg Sinai סִּינַי stand, wo Gott ihm all diese Gebote auftrug, am Berg, der mit seinem Namen und der feurigen Erscheinung an den brennenden Dornbusch Sne סנה erinnert. ER selbst schrieb oder meißelte חרות charut = eingemeißelt sie auf steinerne Tafeln, was für die am Berg Versammelten ebenso חרות cherut = Freiheit bedeutete. Das eingemeißelte Wort Gottes, die Gesetze und Rechtsgeheiße, führen zur Freiheit! Jeder heute lebende Jude darf durch diese Erinnerung wissen, dass er selbst am Sinai stand und ihn darum die Gebote und Worte Gottes noch in unserer modernen Zeit etwas angehen. Gottes Wort ist zeitlos, wird niemals unmodern!

Seine Kinder standen am Berg Choreb חֹרֵב – חֶרֶב cherew = Schwert, ein anderer Name für den Berg Sinai, denn er ist auch ein Berg der Entscheidung und des Kampfes gegen das eigene Ego. Sie standen in Finsternis und Wetterdunkel wie in Ägypten, als die Hoffnung sank, aber auch in der Wolke der Gegenwart und Herrlichkeit Gottes, die das Volk 40 Jahre begleitete, ihnen Orientierung und Schutz bot.

Orientierung und Schutz bieten nun die Gebote und Rechtsgeheiße, die das Volk am Berg Sinai bzw. Choreb empfängt. So wie das Herz des Himmels durch das Feuer vom Sinai entzündet ist, so werden die Herzen der Hörenden entzündet. Aus dem reinigenden Feuer, wie es im Schmelzofen Ägypten brannte, hören sie die Worte des Bundes, welchen der unsichtbare Gott mit ihnen schließt. Sie vernehmen IHN, sehen IHN aber nicht. Darum sollen sie sich kein Bildnis von Gott machen. ER ist so viel mehr, so viel größer als jedwede Figur oder Form der verschiedenen Lebewesen oder ihr Geschlecht. Dieser Gott lässt sich nicht festlegen, denn alles von IHM Geschaffene kann IHN nicht darstellen oder erfassen.

Ebenso wird 50 Tage vorher Pessach gefeiert, als Gott selbst Seine Kinder aus Ägypten erlöste. „Aus dem Eisenschmelzofen“ nennt Mosche Ägypten, als wäre der hebräische Name der Bedrückernation nicht schon schwer genug. מִּצְרָיִם Mizraiim bedeutet doppelte Enge, Bedrückung. Doch der Schmelzofen erklärt, dass die Kinder Israel durch diese Enge und Bedrückung geläutert wurden. Wie Eisen im Schmelzofen seine Schlacke verliert, so wurden die Kinder Israel zum Eigentumsvolk für den Höchsten geläutert. Durch die Not der Zwangsarbeit, durch den Hunger und die Unfreiheit sollten sie sich erinnern an ihre Geschichte erinnern, an die Landverheißungen Gottes an ihren Stammvater Abraham, sie sollten vertrauen, dass die Erlösung nahe ist, sie sollten die Werte ihrer Stammväter bewahren und offene Augen und Sinne haben für Gottes Erlösungshandeln im großen und glorreichen Auszug als Sieger mitten aus den Peinigern.

Diesen Sinn will Mosche in das erlebte Leid der Kinder Israel in Ägypten legen. Er will ihnen zeigen, welch große Pläne Gott mit Seinem Volk hat, welch Vertrauen ER in sie legt, wenn sie IHM nur vertrauen.

Seine Kinder sollen IHN nicht fürchten, sie sollen Ehrfurcht vor IHM haben, die Ehre כָּבוֹד Kawod, die Würde und Ge-Wichtigkeit Gottes erkennen (כָּבֵד kawed = schwer). ER ist ihr Vater, der sie endlos liebt, und ER ist ihr König, dessen Ehre jeder mit Respekt begegnet.

Das weise und verstehende Volk hat seinen Gott gehört, erinnert sich Seiner Taten und weiß sich gerufen, in diesem Sinn Gottes Eigentumsvolk und ein Licht für die Völker zu sein. Das ist die Botschaft für den Israel-Sonntag, an dem über diesen Text gepredigt werden kann. Die Gebote zeichnen Gottes Volk als ein Volk des Rechts und der Rechtsprechung aus, nicht als eine veraltete Gesetzesreligion. Gerade die Gebote waren damals für die Heidenvölker ein Beleg der Weisheit dieses Volkes. Und sie befähigten das Volk, nach der langen Zeit der Unterdrückung und der Wüstenwanderung ein sesshaftes Leben als rechtstaatliche Nation und als Bundesvolk zu führen.

Unter Christen war das Judentum lange verschrien, ja verteufelt, als eben diese Gesetzesreligion, über welche Juden sich angeblich selbst erlösten, anstatt den Erlöser der Christen anzunehmen. Doch mittlerweile sollte es sich herumgesprochen haben, dass Gott Sein Volk erlöste, erlöst und erlösen wird. Und dass das Volk Israel auch für Christen ein Licht war und ist, denn die Werte im Umgang mit den Mitmenschen, die Idee von Erlösung und vom Messias am Ende der Tage kommen aus dem Judentum. Die Hinwendung zu Gott im Gebet und die Beschäftigung mit dem Wort Gottes in der Tora, in den Propheten und in den Psalmen und Weisheitssprüchen wurden durch das Judentum vermittelt.

Mein geschätzter Schwiegervater Pinchas Lapide verlieh bereits 1978 seiner Hoffnung auf einen echten Dialog Ausdruck in dem Schluss seiner Ausführungen in der ökumenischen Schrift mit Franz Mußner und Ulrich Wilckens, die ich zum anstehenden Israel-Sonntag gerne in voller Länge zitieren möchte:

„Neunzehnhundert Jahre jüdisch-christlichen Gegeneinanders kann man in einem Satz zusammenfassen: Aus Kleingläubigkeit wurde der Andersgläubige zum Ungläubigen verketzert, ja oft sogar zum Unmenschen verteufelt. Wie unbiblisch solch engstirniger Heilschauvinismus im Grunde genommen ist, schien nur allzu wenige hüben und drüben zu bekümmern. Von den Zeiten des Urschismas an, als die Kirche sich vom älteren Bruder los sagte, schrie und schmähte man in beiden Lagern mit all der leidenschaftlichen Vehemenz eines Bruderzwistes, der bald in feindliche Gegnerschaft ausartete. Scheindialoge gab es wohl, ebenso Doppelmonologe und Schaudisputationen zwischen Rechthabern und Besserwissern, die felsenfest überzeugt waren, im Alleinbesitz der Heilswahrheit zu sein. Erst heute dämmert uns allen die biblische Binsenwahrheit, daß Gottes universale Vaterschaft zwangsläufig alle Gläubigen unter jene schrankenlose Gnadenliebe stellt, die weder heillose Stiefkinder noch ein Sonderteil für Auserkorene oder Vorzugsschüler kennen kann. Wenn diese biblische Urglaube sich zu einer echten Demut durchzuringen vermag, dann sollte ein wahres Zwiegespräch nicht mehr allzu schwer sein. Durchbruch zum Dialog von Glaube zu Glaube, von Zuversicht zu Zuversicht, in dem beide hinzuhorchen, dazuzulernen und auch umzudenken bereit sind.“

Pinchas Lapide, Franz Mußner, Ulrich Wilckens; Was Juden und Christen voneinander denken; Bausteine zum Brückenschlag, Herder 1978; S. 38/39

One thought on “Dtn. 4,5-20 Gebote bezeugen Weisheit

  1. Die Tiefe in den Schriften liegt oft in den Schriftzeichen. Das sind aber keine lateinischen Buchstaben, oder griechische oder … Es sind hebräische! Die erzählen, weil sie auch Zahlen sind, ganze – im Sinne von Shalom – Wahrheiten.

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