Sde Boker – Schlangenhaus

Predigttext vorgeschlagen für Sonntag, d. 25.02.2024

 4.Mo. 21,4 Sie zogen vom Berge Hor den Weg zum Schilfmeer, das Land Edom zu umgehen. Unterwegs wurde kleinmütig die Seele des Volks.  5 Das Volk redete gegen Gott und gegen Mosche: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgebracht, in der Wüste zu sterben! Kein Brot ja gibts, kein Wasser, es widert unsre Seele des schalen Brotzeugs. 6 ER schickte gegen das Volk die Vipern, die Brandnattern aus, die bissen das Volk, und viel Volk von Jissrael starb. 7 Das Volk kam zu Mosche, sie sprachen: Wir haben gesündigt, daß wir gegen IHN redeten und gegen dich, setze dich bei IHM ein, daß er die Viper von uns wende. Mosche setzte sich ein für das Volk. 8 ER sprach zu Mosche: Mache dir eine Brandnatter und tue sie an eine Bannerstange, so sei es: jeder Gebissene sehe sie an, und er wird leben bleiben. 9 Mosche machte die Viper von Kupfer, er tat sie an eine Bannerstange. Es geschah: hatte die Viper einen Mann gebissen, blickte er auf die Viper von Kupfer und blieb am Leben. 

Das Volk Israel ist auf der langen Wüstenwanderung unterwegs, wo es immer wieder Anfeindungen und Schwierigkeiten erlebt, die es mitunter schwer bedrücken. So kämpften die Kanaaniter gegen Israel und nahm Geiseln, wie wir in den Versen 1-3 lesen. Israel schrie zu Gott, und ER gab die Kanaaniter in ihre Hand. Israel kämpfte gegen das feindliche Volk und vollstreckte den Bann an dessen Städten, was heißt, dass diese Städte unbewohnbar wurden, alle terroristischen und kriegerischen Geräte wurden vernichtet.

Ein solcher Kampf ermüdet sowie die Strapazen der langen Reise, des Umweges, um Edom zu umgehen und damit einem anderen Feind auszuweichen. Umringt von Feinden, die das Volk grundlos hassen – das zermürbt! Es ist gleichfalls frustrierend, wenn man dem Ziel schon so nahe war und dann aus eigenem Verschulden wieder umkehren muss (4.Mo.13). Ärger über sich selbst, über eigene Fehlentscheidungen beeinflusst die Stimmung. Ein Sündenbock muss her, um das eigene Versagen abwälzen zu können. In diesem Fall sind es Gott und Mosche. Dabei ist man sich gar nicht mehr bewusst, wie viel Gutes man während der Reise erfahren hat. War da nicht auch Gottes Hilfe im Krieg gegen Kanaan?! Alles vergessen, der Frust regiert. Man wird kleinmütig, also klein an Mut, ängstlich, verzagt, sieht überall Gefahren und Bedrohungen und sich selbst als Opfer.

„Jetzt fühle ich mich schlecht! Jetzt wird mir alles zu viel! Jetzt sollen sich mal die anderen um mich kümmern! Jeder will mir was. Lasst mich in Ruhe!“ So fühlen wir uns nicht selten im Alltag. Die Freuden von gestern – sie spielen keine Rolle mehr, können nicht bewahrt werden für Momente der Last, der Überarbeitung. Warum? Weil wir es zulassen, dass durch unsere Verdrossenheit die Verbindung mit dem Schöpfer plötzlich abgebrochen wird und die Furcht uns lähmen darf.

Machen wir uns bewusst, dass alles, was geschieht, in Gottes Hand ist. Jede bedrückende Situation, jede Strapaze, jeder Krieg auf unserer Welt bedarf der Zustimmung Gottes (Hi. 1+2). Nichts geschieht ohne IHN! ER lässt es zu! Warum? Es gibt vielfältige Gründe, aber es ist offensichtlich, auch in dem vorliegenden Text, dass unser VATER uns zurückruft, uns zur Umkehr ruft. Schon Corona nannte ich eine „Rückrufaktion“ Gottes, doch anscheinend waren unsere Ohren taub. Wir waren überzeugt, alles im Griff zu haben. Eine fatale Selbstüberschätzung! Mittlerweile umgeben uns Kriege und Naturkatastrophen. Wie wir es lesen können in
Ps. 60,4 Du hast das Land erschüttert, zerspellt – heile seine Risse, es wankt ja!

Weil die Enttäuschung die Oberhand gewinnen darf, redet das Volk gegen Gott und Mosche, gegen beide, die durch diese Formulierung einen gleichwertigen Stellenwert haben. „Warum sind wir aus Ägypten geflohen, wenn wir doch in der Wüste sterben?“
Ägypten wird zum Paradies, die Wüste zur Hölle. Hier gibt es kein Wasser und kein Brot, sondern nur Not und Bedrängnis.

Aber was heißt Ägypten wirklich? Mizraim מִצְרַיִם kommt von der Wurzel zar צַר = eng. Ägypten ist das Land sogar der doppelten Enge, denn die Pluralendung bezeichnet eine Doppelheit.  In Ägypten gab es für die Sklaven keine gefüllten Töpfe nach der anstrengenden Arbeit. Es gab dort keine freie Meinungsäußerung, sondern für jede Art von Ungehorsam gegen den Herrscher harte Restriktionen.

Dagegen heißt Wüste מִּדְבָּר midbar die Sprechstätte von מדבר medaber = er spricht. Hier will Gott mit Seinen Kindern sprechen, ihnen Sein Wort der Stärkung und Ermutigung, der Wegweisung geben. Die Wüste will ein Ort sein, an dem wir unsere Lasten auf Gott, unseren Vater, werfen und an dem wir auf IHN hören, auf den EINEN, der unsere Wege bereitet und uns ans Ziel führt.
Ps. 37,5 Wälze IHM deinen Weg zu und sei gesichert bei IHM, er wirds tun.

Das zu erkennen, dazu ist das Volk nicht in der Lage. Doch wenn es wirklich kein Wasser und kein Brot für alle gäbe, wären die Menschen schon längst in der Wüste gestorben.

Gott schickte brennende Schlangen, also gefährliche Vipern, „weil sie einen Menschen mit dem Gift ihrer Reißzähne „verbrennen“. — [Midrasch Tanchuma Chukkath 19, Num. Rabbah 19:22]
„So soll die Schlange, die geschlagen wurde, weil sie Böses [zu Eva] gesagt hatte, kommen und diejenigen bestrafen, die Verleumdungen [über das Manna] verbreiten. Lass die Schlange, für die alle Arten von Speisen gleich schmecken, kommen und jene Undankbaren bestrafen, für die sich eine Sache [das Manna] in verschiedene Geschmäcker verwandelt.“ — [Midrasch Tanchuma Chukkath 19, Num. Rabbah 19:22]
Laut Midrasch schmeckte nämlich das Manna für jeden Menschen so, wie er es sich wünschte. Aber in der Unzufriedenheit geht auch diese Fähigkeit des Wünschens und Bittens verloren.

Die Schlangen müssen so außergewöhnlich gewesen sein, dass das Volk gar nicht auf die Idee kam, darüber zu maulen und zu murren. Dabei gibt es Schlangen in der Wüste, sodass die Kinder Israel sich darüber hätten beklagen können. Aber dieses Mal verstanden sie umgehend, dass diese gefährlichen Reptilien mit ihnen und ihrem ungerechten Reden zu tun hatten. Menschen um sie herum starben jetzt wahrhaftig in der Wüste, weil keine Gesprächsbereitschaft da war. Jetzt ging „ein Ruck“ durch das Volk und es kam zur Besinnung, war bereit zur Umkehr תִשְׁעָה Teschuwa. Sie waren bereit, Gott eine „verantwortende Antwort“ (M. Buber) über ihr Verhalten zu geben, ihr mangelndes Vertrauen und Murren zu bereuen.

Sie bekennen im ersten Schritt ihre Sünde: „Wir redeten gegen Gott und dich! Wir versündigten uns an denen, die Großes für uns taten, anstatt ihnen zu danken. Die Wanderung durch die Wüste kann nur mit Gott und mit dir gelingen! Denn wer sonst legt bei Gott ein gutes Wort für uns ein, wenn wir unseren guten Vater verärgert und zornig gemacht haben?!“

Gott lässt sich bitten und nennt Mosche die Lösung: Eine solche Viper wird oben an einem Stab angebracht werden und jeder wird zu ihr aufsehen.

Mosche bekam die Anweisung, eine „brennende“ Schlange הַנְּחָשִׁים הַשְּׂרָפִים ha’nachasch h‘ßerafim anzufertigen, also eine Nachbildung der gefährlichen Schlangen, die Gott geschickt hatte. Diese Gebilde sollte die Wirkung der ehrfurchtgebietenden Engel, der Seraphim, mit der Schlange verknüpfen. Mosche machte nun eine Schlange נָחָשׁ nachasch und fertigte sie aus Kupfer נְחשֶׁת nechoschet. Durch das rote Leuchten des Kupfers kann Mosche den Eindruck des Feuers erzeugt haben.
Die Schlange, die bereits zu Chawa kam, flüsterte ihr betörende Botschaften zu und verführte sie damit. לְנַחֵשׁ lenachesch heißt im Bibelhebräischen einflüstern durch okkultes Erraten, Deuten, Erahnen. Jossef benutzte dieses Wort, als er seine Brüder vor seiner Selbstoffenbarung auf die Probe stellte. Damit wollte er sich als Ägypter ausgeben:
1.Mo. 44,15 wußtet ihr nicht, daß ein Mann wie ich Ahnung erahnen  נַחֵשׁ יְנַחֵשׁ kann? (nachasch jenachesch)

Die Schlange steht für die Einflüsterungen, auf die die Kinder Israel in ihrer Unzufriedenheit hörten. Sie ließen sich zu Vorahnungen wie das Sterben in der Wüste verführen – und was du fürchtest, kommt über dich!
Hi. 3,25  Denn wes Schreck mich schreckte, ereilt mich, wessen mich schauderte, überkommt mich.
Sie selber gaben anschließend diese Einflüsterungen, diese dunklen Ahnungen durch schlechtes, unzuverlässiges Sprechen wieder, sodass einer den anderen ansteckte mit Missmut und Unglauben. Diese Einflüsterungen und Ahnungen, wie Buber übersetzt, hat Gott im Übrigen verboten, denn wir finden im folgenden Gebot dasselbe Wort wieder:
5.Mo. 18,10 Nicht werde unter dir gefunden einer, … einer, der Wahrsagung sagt, ein Tagwähler, ein Erahner מְנַחֵשׁ menachesch, ein Zauberer, …

Die erhöhte Schlange hatte den Sinn, dass die Israeliten endlich wieder ihren Blick zu Gott erhoben. Sie konnten so erkennen, dass die gespaltene Zunge der Schlange, ihr falsches Reden, ihre eigene Sünde war. Das an die Seraphim erinnernde Kupfer gebot ihnen die Ehrfurcht gegenüber ihrem Schöpfer, der ein eifernder Gott ist!
Dtn. 4,24 denn ER dein Gott, ein verzehrendes Feuer ist er, ein eifernder Gottherr.
Das Remedium ist, als Bekenntnis der Sünde auf die Schlange zu schauen und weiter den Blick zum Ewigen zu erheben.

„Aber bezüglich des Schlangenbisses heißt es: „Er wird hinschauen“ – „und wann immer eine Schlange [einen Menschen] biss, schaute er“ (Vers 9), denn der Schlangenbiss würde nicht heilen, wenn nicht jemand sie [die Kupferschlange] aufmerksam ansah. (Jerusalemer Talmud Rosch HaSchana 3:9). Unsere Rabbiner sagten: Verursacht eine Schlange Tod oder Leben? Wenn Israel jedoch zum Himmel blickte und seine Herzen seinem Vater im Himmel unterwarf, wurden sie geheilt, wenn nicht, würden sie verkümmern. — [R.H. 29a]“

Die kupferne Schlange dient also einerseits der Sündenerkenntnis, andererseits fordert sie das, was die Israeliten in ihrem Frust und Unmut vergessen hatten: der Aufblick zu ihrem Gott und Vater. Erhebe dich, stehe aufrecht mit erhobenem Kopf, damit dein Blick weit gehen kann. Bleib nicht wie Kain, der sein Angesicht im Ärger senkte. Durch eine solche „Bauchnabelschau“ sah er sich als Opfer und war für jedes Gesprächsangebot verschlossen. So hatte die erste Sünde der Bibel leichtes Spiel, denn das Wort Sünde חַטּא chet – die unabsichtliche Sünde -, kommt hier zum ersten Mal vor. Gott warnte Kain deutlich, dass sein gesenktes Haupt einen Einlass für die Sünde darstellte.

Die Kinder Israel verstanden diese Lektion und blieben am Leben, denn Leben, und nicht der Tod des Sünders, entspricht dem Willen Gottes.

Ergänzend zu diesem Thema empfehle ich eine Zoom-Sendung mit Yuval
https://youtu.be/1Z7ewcg7XsU?si=4-h90LBNnxawRN-M

Kommentar verfassen