Schabbat 6. Elul 5781; 14. August 2021

Gerechtigkeit und Rechtsprechung

Dtn. 16,20 Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach, damit du lebest, du das Land ererbest, das ER dein Gott dir gibt!
Gerechtigkeit ist das oberste Gebot für Israels Leben im Land Kanaan. Gerechtigkeit und Recht werden durch Richter und die ausführenden Beamten, also die Exekutive, garantiert. Israel wird eine organisierte und gerechte Nation sein, dafür bürgen die Gesetze, die Gott Seinem Volk gibt. Kein Ansehen der Person ist erlaubt. Eine Beschuldigung muss von mindestens zwei Zeugen bestätigt werden. Zeugen werden sich eine falsche Anschuldigung gut überlegen, denn wenn die Tat, wie z.B. Götzendienst, die Vollstreckung der Todesstrafe fordert, sind die Zeugen die ersten, die Hand anlegen müssen. Damit werden falsche Zeugen ausgeschlossen.
Dtn. 17,7 Die Hand der Zeugen sei zuerst wider ihn, ihn sterben zu lassen, die Hand alles Volkes danach. Merzen sollst du das Böse aus deinem Innern!
Das Gericht ist angehalten, den Tatbestand sorgfältig zu untersuchen. Es hält an der Unschuldsvermutung fest und steht somit auf Seiten des Beschuldigten. Somit ist ein Verteidiger nicht nötig. Die Anklage durch die heutige Staatsanwaltschaft übernehmen die Zeugen. Erst wenn ihr Nachweis die Schuld zweifelsfrei feststellt, wird der Angeklagte schuldig gesprochen. Bei leisesten Zweifeln, besonders wenn es sich um die Feststellung der Todesstrafe handelt, wird lieber kein Urteil gesprochen, als ein Fehlurteil riskiert. Man vertraut dann den Beschuldigten Gott und Seinem Urteil an, der immer den Überblick hat.
Gott hatte schon Abraham gesagt, dass alle seine Nachkommen auf dem Weg von Recht und Gerechtigkeit – צְדָקָה וּמִשְׁפָּט zedakh u mischpat – gehen werden, denn das eine geht nicht ohne das andere. Recht kann nicht ohne Gerechtigkeit ausgeübt werden.
Gen. 18,19 Ja, ich habe ihn erkannt, auf daß er entbiete seinen Söhnen und seinem Hause nach ihm: sie sollen hüten MEINEN Weg, Wahrhaftigkeit und Recht zu tun, daß ER über Abraham kommen lasse, was er über ihm geredet hat.
Dieses gerechte Richten forderte Abraham im Umgang mit Sodom und Gomorra von Gott:
Gen. 18,25 Weitab sei dir nach dieser Rede zu tun, den Gerechten צַדִּיק (zadik) mit dem Frevler zu töten, daß Gleiches dem Gerechten, Gleiches dem Frevler geschehe, weitab sei es dir! Alles Erdlands Richter שֹׁפֵט (schofet), wird der nicht das Recht מִשְׁפָּט (mischpat) tun?
Deshalb ist das Abhalten eines gerechten Gerichts nichts weniger als die Imitatio Dei, die Nachahmung Gottes. Das Geständnis eines Beschuldigten zählt nicht, denn er kann mit seinem Geständnis den wahren Täter schützen wollen.
Die Gerichtsbarkeit, die hier aufgeführt wird, mutet sehr modern an und unterschied sich von den Vorgängen in anderen Völkern. Man braucht nur in die Geschichte des christlichen Abendlandes mit den zweifelhaften Hexen- und Ketzerprozessen zu schauen! Obwohl es die Bibel als Grundlage hatte, war ihr Inhalt so wenig bekannt und verstanden worden, dass man nichts aus ihr lernte. Heute wissen wir eine gute und gerechte Rechtsprechung zu schätzen, sodass manche Regel Eingang in die moderne Rechtsprechung fand. Schade nur, dass manche mit dem sog. Alten Testament so eklektisch umgehen, dass sie wertvolle Schätze nicht erkennen.
Wenn wir einen Blick auf den Prozess Jesu werfen, sehen wir sehr schnell, dass kein jüdisches Gericht diesen Prozess geführt haben kann, denn dieses hätte einen Justizirrtum nicht in Kauf genommen. Die falschen Zeugen wären schnell abgesprungen, wenn sie den ersten Stein hätten werfen müssen. Außerdem wäre nach jüdischem Recht die Behauptung, Gottes Sohn zu sein, gar kein Anklagepunkt gewesen, da alle Juden Söhne und Töchter Gottes sind. Hätte Jesus von sich behauptet, der Messias zu sein, so wäre er als überheblicher Spinner abgemahnt worden, aber ihm hätte weder kein Anklage geschweige denn ein Todesurteil gedroht! Die Anklage  eines gesalbten Königs war für die Römer bedeutend, die keine Macht neben dem göttlichen Kaiser duldeten.

Die Gerechtigkeit צֶדֶק zedek ist das theoretische Konzept, das hier ausgebreitet wird. Es ist die Grundlage der Zedaka צְּדָקָה, der wohltätigen Gerechtigkeit, die dem Armen ohne Ansehen der Person gerne und reichlich gibt. Zedek – Gerechtigkeit wird in diesem Vers wiederholt, denn nicht nur das Konzept muss die Gerechtigkeit zur Grundlage haben, auch die Mittel, mit denen die Umsetzung der Gerechtigkeit erfolgt, müssen gerecht sein. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel.
Die Gerechtigkeit muss zum Lebensprinzip und zum Lebensinhalt werden, denn der Vers fordert dazu auf, ihr nachzujagen. Sie ist in einem Volk nicht einfach da oder fällt vom Himmel, sondern muss mit Inhalten der Tat gefüllt und errungen werden.
Ps. 34,14 Wahre deine Zunge vorm Bösen, deine Lippen vorm Trugreden, 15 weiche vom Bösen, tu Gutes, trachte nach Frieden, jage ihm nach! 
Das Böse, sei es Götzendienst oder Revolte wie bei Korach, sei es Mord, Diebstahl oder Streit, es muss aus Israel ausgerottet werden, weil Gott ein heiliger Gott ist und Israel IHN repräsentiert.

Dtn. 17,8 Wenn eine Sache deiner Rechtsfindung entrückt ist zwischen Blut und Blut, zwischen Urteil und Urteil, zwischen Schaden und Schaden, Streitsachen in deinen Toren בִּשְׁעָרֶיךָ (bische’arecha), mache dich auf, zieh empor zu dem Ort, den ER dein Gott erwählt, 9 komm zu den Priestern, den lewitischen, und zu dem Richter, der es in jenen Tagen sein wird, suche an, sie sollen dir den Sachentscheid des Rechtes melden.
Der vorliegende Vers trägt dem Umstand Rechnung, dass die Zeiten voranschreiten und Israel in anderen Ländern wird leben müssen. Die Richter oder Weisen der jeweiligen Zeit werden dann zur Urteilsfindung beitragen. Auf jeden Fall ist ihnen die unbedingte Autorität zugesprochen, weshalb auch Entscheidungen heutiger Rabbiner Gültigkeit besitzen. Ihnen ist zu gehorchen, weil sie die Schriften studiert haben, das jüdische Recht kennen und auf moderne Fragestellungen anzuwenden wissen.
Wir können unser Augenmerk zudem auf die „Tore“ שַׁעַר scha’ar – das Tor richten, die in einer Stadtmauer die Stadt umgaben und ihren Zugang sicherstellten oder diesen verwehrten. Was sind unsere Tore, durch die Streit, Vorurteile u.ä. Eingang finden? Es sind unsere Augen und Ohren, die für solche Dinge empfänglich sind. Unsere Ohren können wir nicht verschließen wie unsere Augen, aber wir können unsere Sinnesorgane durch die Beschäftigung mit der Bibel schulen, für die wesentlichen Nöte und Anliegen offen zu sein, sich aber gegen Verführungen zu verschließen.

Ein König wird Herrscher

Dtn. 17,14 Wenn du in das Land kommst, das ER dein Gott dir gibt, es ererbst, darin siedelst, du sprichst: Ich will einen König über mich setzen, wie all die Stämme, die rings um mich sind, 15 setze, einsetze über dich einen König, den ER dein Gott erwählt, aus dem Kreis deiner Brüder sollst du einen König über dich setzen, nicht kannst du einen fremdländischen Mann über dich geben, der nicht dein Bruder ist.
Gott gibt hier bereits dem Volk, das sich einen König wünscht, das Recht, einen solchen einzusetzen. Warum hatte Samuel dann solche Probleme mit einem König?
Den Israeliten wird geboten, sie sollen einen König erst dann ernennen, wenn die Landnahme beendet ist. Das steht im Gegensatz zu den Völkern, die einen König hatten, um ihre Landerweiterung durch ihn voranzutreiben. Die Landnahme aber war Gottes Aufgabe, denn IHM gehört die ganze Erde, und ER verteilt sie.
Der König darf kein Ansinnen haben, das Volk nach Ägypten zurückzuführen, denn Gott hat Seine Macht darin erwiesen, dass ER das Volk aus Ägypten befreite.
Der König darf nicht protzen mit vielen Pferden, Reichtum und Frauen. Er soll der erste unter seinen Brüdern sein, mehr nicht. Damit er solche Werte sein Leben lang nicht vergisst, ist ihm geboten, eine doppelte Abschrift der Tora anzufertigen, darin zu lesen und die Gebote Gottes zu tun. Der König untersteht Gott ebenso wie jeder andere Israelit und muss Respekt vor IHM haben.
Wozu brauchte er zwei Abschriften? „Schon der Talmud (babylon. Talmud, Sanhedrin 21b) erklärt hier, dass sich der König zwei Abschriften anfertigen solle: eine Rolle, die er in der Schatzkammer aufbewahrt, und eine, die er stets mit sich führt.“[1]
Was war nun Samuels Problem? Das Volk forderte einen König, um zu sein wie die anderen Völker. Auch hatte es noch keinen Frieden mit seinen Nachbarvölkern.
1.Sam. 8,5 … jetzt setze uns einen König, uns zu richten, gleichwies alle Erdstämme haben.
Dass sie als geliebtes Volk Gottes sein wollten wie alle anderen Völker, das bereitet ihm und Gott Schwierigkeiten, denn Gott sagt:
1.Sam. 8,7 ER aber sprach zu Schmuel: Höre auf die Stimme des Volks in allem, was sie zu dir sprechen, nicht dich ja haben sie verworfen, mich ja haben sie verworfen, König über sie zu sein.
Und so versucht Samuel, das Volk umzustimmen, zeigt ihm auf, welche Nachteile ihm erwachsen, wenn es einen weltlichen König wählt, muss aber letztlich doch nachgeben.
Schauen wir uns die Geschichte der ersten Könige an, so war König Scha’ul durch seine Unentschlossenheit gepaart mit Überheblichkeit ungeeignet, Israel von seinen Feinden zu befreien.
David war ein Mann nach dem Herzen Gottes, doch war er nicht in der Lage, rechtzeitig seine Nachfolge zu klären und seine Söhne zu erziehen. Somit gab es viel Neid und Missgunst.
König Schlomo wurde schließlich der König, der trotz seiner Weisheit mit seinem Reichtum und seinen Frauen protze. Seine Frauen verführten schließlich sein Herz und er gestattete ihnen, ihren eigenen Göttern zu dienen.
Zwar wird aus der Linie Davids und Schlomos der Maschiach kommen, doch die realen Könige versagten.

Dtn. 18,13 Ganz wirst du mit IHM deinem Gotte sein!
Kein anderer Gott hat neben dem Schöpfergott Platz, neben dem Gott, der gerecht richtet. Für niemanden darf ein Kind durchs Feuer gehen, auch nicht für den Moloch! Diese Praxis sehen der Talmud (Sanhedrin 64b) und Raschi in diesen Sätzen. Alle okkulten Praktiken lenken von Gott ab, lassen das Herz eines Menschen nicht in ganzer Übereinstimmung mit IHM sein und sind darum bis heute verboten.
Ganz soll Israel mit seinem Gott gehen, תָּמִים tamim. Damit ist ein ungeteiltes Herz gemeint, wie wir es schon von Abraham kennen:
Gen. 17,1 Als aber Abram neunundneunzig Jahre war, ließ ER von Abram sich sehen und sprach zu ihm: Ich bin der Gewaltige Gott. Geh einher vor meinem Antlitz! sei ganz! תָּמִים tamim
Luther übersetzte „fromm“, die Zürcher „untadelig“, Schlachter „tadellos“ und Elberfelder „vollkommen“, aber nichts dergleichen meint das hebräische Wort „tamim“. Gott verlangt nicht ein tadelloses Leben von uns, denn wie hätten Mose oder David sonst Freunde Gottes sein können? ER will nur, dass unser Herz ganz, ungeteilt bei IHM ist, denn dann sind wir für IHN ansprechbar, korrigierbar und wir verstehen den Aufruf zur Umkehr, Teschuwa תְּשׁוּבָה, zur verantwortenden Antwort (M. Buber).

Propheten und Priester

Dtn. 18,15 einen Künder jeweils gleich mir wird ER dein Gott dir aus deinem Innern, aus deinen Brüdern erstehen lassen, auf ihn werdet ihr hören.
Auf den Navi נָבִיא = Künder wird das Volk hören, denn er ist ein Überbringer des Wortes Gottes –  wie Mose. Er wird einer aus dem Volk sein und seinesgleichen mitteilen, wo es auf Abwege geraten ist, wo es Umkehr zu leisten hat. Er schaut nicht von außen auf das Volk, sondern kennt die Stärken und Schwächen seiner Brüder und Schwestern. Nur so kann er für sein Volk im Ernstfall einstehen – wie Mose.
Das Wort Gottes durch einen Künder zu erfahren, berücksichtigt den Wunsch der Kinder Israel, nicht direkt von Gott angesprochen zu werden, wie das am Sinai der Fall war. Gott nimmt Seine Kinder sehr ernst und vergisst nichts, selbst nicht nach 40 Jahren.
Einen Künder wie Mose wird Gott auswählen, einen Künder, der Gott treu ergeben ist mit einem ungeteilten Herzen.
Doch es wird auch falsche Propheten geben, die sich anmaßen, Propheten zu sein. Jedoch werden sie durchschaubar sein, wenn sie etwas verkünden, das der Tora widerspricht und das die Herzen der Hörer von Gott abbringen will. Sie werden sich selbst disqualifizieren, denn das Vorausgesagte wird nicht eintreten.
Propheten – Newiim, Künder werden ein Sprachrohr Gottes sein, auch vor Königen und Priestern, weshalb sie nicht aus der Priesterkaste kommen werden. Sie sollen unabhängig von Menschen und abhängig allein von Gott sein. Ausnahmen waren später der Prophet Jeremia, der auf eine nicht amtierende, verstoßene Priesterlinie zurückgeht, und Hesekiel, der als Priester den Verfall unter den Priestern Gottes beim Namen nennen musste.

Die Priester כֹּהֲנִים Kohanim sind Leviten und besitzen kein eigenes Land. Sie sind allein für den Gottesdienst, die Lehre und die Opfer zuständig. Sie dienen in diesem Amt Gott: לכהן ב lechahen = dienen. Ihr Wohnort ist inmitten der Kinder Israel.
Kohanim sind Nachfahren Aarons und hatten die Aufgabe des Schlachtens, des Gottesdienstes und als Gesundheitsexperten. Leviten waren Sänger und leisteten Assistenzdienste und Handreichungen.
„Er [der Priester] wird praktisch eine Dienstperiode von jährlich zwei Wochen Opferdienst absolvieren, der ganze übrige Teil seiner Tätigkeit wird mit Erziehung und Unterricht zu tun haben.“[2]
Gott weist die Kinder Israel an, den Kohen mit allem zu versorgen. Es ist ihm erlaubt, sogar außerhalb seiner Dienstzeit, wenn er sich z.B. auf einer Reise befindet und er durch Jerusalem kommt, im Tempel sein eigenes Opfer darbringen.
Für uns heißt die Botschaft, dass wir selber aufpassen, dass in uns sowohl ein Priester, ein Diener Gottes, als auch ein Nawi, ein Ermahner, Raum bekommt, um uns auf den rechten und geraden Weg im Glauben zu führen.

Die Zufluchtsstädte – Auge um Auge?

Diese Städte gehörten zur Rechtsprechung, um einen Menschen, der unbeabsichtigt einen anderen Menschen tötete, vor vorschneller Selbstjustiz der Angehörigen zu schützen. Wer Totschlag begangen hatte, durfte nicht wie ein Mörder getötet werden. Um den Tatbestand feststellen zu können, durfte er Zuflucht nehmen zu den eigens dafür bezeichneten Städten.
Der Talmud schreibt vor, dass zu diesen Städten deutliche Wegweiser aufgestellt werden müssen. (bMakkot 10b)
Der absichtslose Täter musste in diesen Städten nach dem Urteil weiter leben, weil eine unabsichtliche Tat in der Verantwortung des Täters liegt.
Dtn. 19,21 Dein Auge soll nicht schonen: Leben um Leben, – Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß.
Ein Zeuge wurde überprüft und der Lüge überführt. Nun steht da dieser Satz, der für Christen oft der Beleg für den jüdischen „Rachegott“ war. Schon in Ex. 21,23ff kam dieser missverstandene Satz vor, und hier hat er dieselbe Bedeutung, auch wenn im Hebräischen die Präposition be בְּ = in benutzt wird.
Pinchas Lapide schrieb dazu:

1. Rache ist in der hebräischen Bibel ausdrücklich verboten: „Sei nicht rachsüchtig…, sondern liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ (Lev.19,18)
2. … Also nicht vom Geschädigten ist hier die Rede, der Rache oder Vergeltung nehmen soll, sondern vielmehr vom Schädiger, dir vor dem Richter Wiedergutmachung leisten muss. …
Mit anderen Worten: Die humanitäre Universalregel „Maß für Maß“, die auch Jesus dreimal im Neuen Testament empfiehlt (Mt 7,2; Mk 4,24; Lk 6,38), wird zum Rechtsprinzip der Geldentschädigung und des Schmerzensgeldes in allen Fällen von Körperverletzung erhoben.
Nur in diesem Sinne der Abgeltung durch Schadenersatz wurde dieser Bibelvers im Judentum schon lange vor Jesus verstanden und angewandt, wie der Talmud (Baba Qama 83b und Ketubot 38a) deutlich beweist. In den Worten der Borromäusbibel: „Die oft mißverstandene Formel für das Vergeltungsrecht gilt als Grundlage richterlicher Entscheidungen; nicht als Norm für das Verhalten von Mensch zu Mensch“ (115).[3]

P. Lapide, Die Bergpredigt. Utopie oder Programm?, Mainz 1983³, S.134f

So gilt sogar hier, wo die Justiz nicht nachsichtig sein soll, da ein Zeuge versuchte, jemandem durch Falschaussage Schaden zuzufügen, das richterliche Prinzip von angemessenem Schadenersatz.
Mein Schwiegervater schrieb zu der Stelle im Buch Exodus:
„Das Schlüsselwort in der hebräischen Bibel „tachat“, heißt gar nicht „um“ oder „für“, sondern „anstelle von“.“[4]
Die hier verwendete Präposition „be בְּ“ wird von den Rabbinern genauso ausgelegt wie „tachat תַּחַת“, denn sie bedeutet genauso wenig „um“ oder „für“.

Krieg und Frieden

Noch wird es so sein, dass Israel gegen seine Feinde kämpfen muss, doch hat der Frieden immer Priorität. Israels Kämpfe werden Verteidigungskämpfe sein, denn wo immer es möglich ist, haben das Friedensangebot und der Frieden den Vorzug. Nur dort gibt es keine Kompromisse, wo der Feind Israel zu Götzendienst verleitet.
Vor einem notwendigen Krieg fällt den Priestern die Aufgabe zu, die Kämpfer zu ermutigen, denn Gott ist mit ihnen. Wie oft wurde dieser Satz aus dem Zusammenhang gerissen und missbraucht, ob von Kaisern und Königen oder Diktatoren! Aber nur Israel galt Gottes Zusage für die Kämpfe, die Gott befahl! Selbstüberschätzung und Hochmut wurden selbst in biblischen Zeiten von Gott nicht unterstützt.
Nach den Priestern kamen die Amtsleute und holten die Männer von den Kämpfern fort, die 1. ein neues Haus gebaut hatten, aber noch nicht darin wohnen konnten; 2. einen Weinberg gepflanzt hatten, aber die Abgaben für ihre Früchte noch nicht leisten konnten; 3. die frisch Verlobten oder Verheirateten. Nicht genug damit, es wurden ferner solche aus dem Heer entfernt, die vor Angst zitterten. Diese hätten auf ihre Kameraden einen schlechten Einfluss gehabt und hätten die Herzen vom Vertrauen auf Gott ablenken können.
Es geht also nicht um menschliche Kriegführung, die sich auf jeden Mann angewiesen wähnt, sondern um den Kampf, den letztendlich Gott für Seine Kinder führt.
Für den Krieg gilt außerdem der Lebenserhalt in allen Bereichen. Darum dürfen Frucht tragende Bäume nicht gefällt oder zerstört werden. Sie sind ja nicht der Feind des Menschen, im Gegenteil!

Es gilt also, über die Zeit des Krieges hinauszublicken. Für diese Zeit des Friedens geht es um „Entfeindung“[5] – wo immer es möglich ist -, darum, den wahren Feind zu erkennen, der nicht selten in uns selbst wütet,  und um ein lebenswertes, gottgefälliges Leben.


[1] Hanna Liss, Bruno Landthaler, Erzähl es deinen Kindern, Die Torah in fünf Bänden, Ariella Verlag, Band 5, S. 84
[2] E. Selig, Chumasch Schma Kolenu, Kommentare von Marc Breuer, Morascha Basel 2009², S.1010
[3] P. Lapide, Die Bergpredigt. Utopie oder Programm?, Mainz 1983³, S.134f
[4] Ebd.
[5] P. Lapide, Entfeindung leben?, Gütersloher Verlagshaus

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