Zum Jom Kippur am 5.10.2022

Heute Abend beginnt Jom Kippur, der jüdische „Buß- und Bettag“. Er ist vielen bekannt als „Versöhnungstag“, doch gibt es keinen Anlass, sich mit Gott zu versöhnen. Es ist auch kein trauriger Tag, denn Juden begegnen ihrem König und ihrem Vater. Wer dürfte sich nicht eines gnädigen Vaters sicher sein!

Kippur hat denselben Wortstamm wie die Kippa, mit der männliche Juden ihren Kopf bedecken. Dementsprechend heißt Kippur von lekaper לְכַפֵּר bedecken. Gott bedeckt unsere Sünden beispielsweise mit Wasser
Mi. 7,19 Ja, werfen wirst du all ihre Sünden in die Strudel des Meers,
oder auf Seine geheimnisvolle Weise. Dessen können alle betenden Juden und Jüdinnen sicher sein. Das Bedecken der Sünde macht sie nicht ungeschehen. Sie ist ein Teil von uns. Aber die bedeckte Sünde steht uns nicht jeden Augenblick vor Augen, sie beschämt uns nicht mehr. Aber sie dient unter der Bedeckung unserem Wachstum, sie wird quasi zu Dünger.

Woher kommt Jom Kippur?
Dieser Tag erinnert uns an das goldene Kalb, das die Kinder Israel bald nach ihrem großartigen Auszug aus Ägypten in der Wüste bauten. Mosche befand sich auf dem Berg Sinai, um die Tora schriftlich in Empfang zu nehmen, als das Volk ungeduldig wurde. Es bat Aaron, er möge ihnen Götter machen
Ex. 32,1 Auf, mach uns Götter, die vor uns hergehen sollen, denn dieser Mosche, der Mann der uns hinangeholt hat aus dem Land Ägypten, wir wissen nicht, was ihm geschehen ist.
Daraufhin bildete Aaron aus ihrem Schmuck das goldene Kalb.

Mosche stieg herab vom Berg. Gott hatte ihn auf den Tumult und den Ungehorsam vorbereitet. Als er das goldene Kalb mit eigenen Augen sah, schmetterte er die Tafeln Gottes entzwei. Gott wollte das Volk verwerfen, aber Mosche sprang für es in die Bresche:
Ex. 32,11 Mosche sänftete das Antlitz IHM, seinem Gott, er sprach: Warum, DU, soll dein Zorn einflammen auf dein Volk, das du führtest aus dem Land Ägypten mit großer Kraft, mit starker Hand! 12 Warum sollen die Ägypter sprechen dürfen, sprechen: Im Bösen hat er sie ausgeführt, sie umzubringen in den Bergen, sie zu vernichten weg vom Antlitz des Bodens! Kehre um vom Entflammen deines Zorns, leid werde es dir des Bösen über deinem Volk!
Mosche ließ diejenigen töten, die sich nicht auf die Seite Gottes stellten.

Er stieg wieder auf den Berg zu Gott, um die zerbrochenen Tafeln zu erneuern. Dort gab der Ewige eine deutliche Antwort auf das Eintreten Mosches für Israel:
Ex. 34,6 Vorüber fuhr ER an seinem Antlitz und rief: ER ER Gottheit, erbarmend, gönnend, langmütig, reich an Wohltätigkeit (חֶסֶד chessed) und Treue, 7 bewahrend Wohltätigkeit ins tausendste, tragend Fehl Abtrünnigkeit Versündigung, straffrei nur freiläßt er nicht, zuordnend Fehl von Vätern ihnen an Söhnen und an Sohnessöhnen, am dritten und vierten Glied. 9 [Mosche] und sprach: Habe ich doch Gnade (חֵן chen) in deinen Augen gefunden, o mein Herr, gehe denn mein Herr bei uns innen! Ja, ein Volk hart von Nacken ist es – so verzeihe unserm Fehl, unsrer Versündigung, eigne uns an! 10 Er sprach: Da, ich schließe einen Bund. Vor all deinem Volk will ich Wunderwerke tun, wie sie nie geschaffen wurden auf aller Erde, unter allen Stämmen. Sehen soll alles Volk, bei dem innen du bist, MEIN Tun, wie furchtbar es ist, das ich mit dir tun will.

Gott nennt hier Seine 13 Eigenschaften, mit denen ER dem Volk Seine Liebe – 13 =אַהֲבָה 1+5+2+5 ahawa – zeigt. Geduld, liebende Wohltätigkeit, Erbarmen, Treue zeichnen diesen Gott aus. Darum können sich Seine Kinder auf IHN verlassen. Nach dieser Sünde vergab ER ihnen mit diesem langen Katalog, der Sein Wesen beschreibt.  Und anschließend schließt ER wiederholt einen Bund mit ihnen. Israel und alle Völker der Welt werden Gottes Wunderwirken sehen!

Nach dem Misstrauen der 10 Kundschafter sagt Gott, nachdem Mosche IHM diese 13 Eigenschaften vorhielt:
Num. 14,20 ER sprach: Ich verzeihe nach deiner Rede. – סָלַחְתִּי salachti – ich verzieh.

In Dtn. 31,16 ff lesen wir, dass Gott das halsstarrige Volk Israel nur zu gut kennt. ER weiß, worauf ER sich einlässt und lässt Mosche ein Lied darüber aufschreiben:
Dtn. 31,19 Jetzt also schreibt euch diesen Gesang, man lehre ihn die Söhne Jissraels, man lege ihn in ihren Mund, damit mir werde dieser Gesang zum Zeugen gegen die Söhne Jissraels. 20 Ja, kommen lasse ich es zu dem Boden, den ich seinen Vätern zuschwor, dem Milch und Honig träufenden, es wird essen, wird ersatten, wird schwellen, wird sich zu anderen Göttern wenden, sie werden ihnen dienen, sie werden mich verwerfen, es zersprengt meinen Bund. 21 Es soll geschehn, wenn Übel viel und Drangsale es treffen: dieser Gesang soll vor ihm aussagen als Zeuge – denn nicht wird aus dem Mund seiner Samenschaft der vergessen werden – , daß ich sein Herzgebild, danach es heut tut, kannte, ehe ich es kommen ließ in das Land, das ich zugeschworen habe.

Wenn es den Menschen zu gut geht, werden sie übermütig und unbedacht, Juden wie Nichtjuden. Gerade bei dem Wissen, dass die Kinder Israel Gottes Bund brechen werden und solchen Drohworten, die sich in Dtn. 32 fortsetzen, darf der Zuspruch der Treue und Gnade Gottes in Seinen 13 Eigenschaften nicht vergessen werden.

Und ebenso wenig der Zuspruch aus der letzten Trosthaftara vor zwei Wochen.
Jes. 63,8 Er sprach: Sie sind gewißlich mein Volk, Söhne, die‘s nicht verleugnen! Er ward ihnen zum Befreier. 9 In all ihrer Drangsal wars nicht ein Herold und Bote, sein Antlitz wars, das sie befreit hat, in seiner Liebe, in seiner Milde hat er selber sie ausgelöst, er hub sie, er trug sie alle Tage der Vorzeit.

Gott ist mit uns in unserer Trübsal! Wann immer wir die Konsequenzen unseres Handelns zu tragen haben – Gott ist mit uns in unserer Bedrängnis und Not! ER sitzt nicht schadenfroh fernab, nein, ER teilt unser Leid.

„“In allen [d.h. Israels] Plagen wird auch Er gepeinigt, und der Engel Seiner Gegenwart erlöste sie …“  – Wie ein liebevoller Vater, der das Leid seines Kindes miterleidet, so leidet G-tt auch mit Seinem Volk und erwartet die Erlösung mit ihm.“[1]

Dieses Gottesbild macht Jom Kippur zu einem frohen Tag in der Gewissheit, dass nicht nur der König auf Seinem Thron zum Richten bereit ist, sondern dass dieser König gleichzeitig unser Vater ist, der uns liebt, treu und barmherzig auf uns schaut. Und während Seine Kinder noch beten, schreibt ER sie ein ins Buch des Lebens.


[1] https://www.synagoge-karlsruhe.de/parshah/article_cdo/aid/2697571/jewish/Haftara-in-Krze.htm

Kommentar verfassen