Predigttext vorgeschlagen für Sonntag, d. 11.09.2022

25 Ein Toragelehrter erhob sich, um ihn gründlich zu befragen und sprach: »Lehrer, was muss ich tun, damit ich am ewigen Leben Anteil erhalten werde?« 26 Er sprach zu ihm: »Was ist in der Tora geschrieben? Wie liest du?« 27 Er antwortete ihm: »Liebe den Ewigen, deinen Gott, aus deinem ganzen Herzen und mit deinem ganzen Leben und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken, und deine Nächsten wie dich selbst.« 28 Er sagte: »Du hast richtig geantwortet. Handle so und du wirst leben.« 
29 Jener wollte aber weiter Recht bekommen und sagte darum zu Jesus: »Und wer sind meine Nächsten?« 
30 Jesus nahm diese Frage auf und erwiderte: »Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel Räubern in die Hände. Diese zogen ihn aus, misshandelten ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Zufällig kam ein Priester des Weges, sah ihn und ging vorüber. 32 Gleichermaßen kam ein Levit an dem Ort vorbei, sah ihn und ging vorüber. 33 Da kam einer aus Samaria des Weges, sah ihn und hatte Mitleid mit ihm. 34 Er ging zu ihm hin und verband seine Wunden, indem er Öl und Wein darauf goss, dann hob er ihn auf sein Tier, brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn dort. 35 Am folgenden Tag nahm er zwei Denare, gab sie dem Wirt und sagte: ›Umsorge ihn! Und was du mehr ausgibst, will ich dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.‹ 
36 Was meinst du, welcher von den dreien sei der Nächste dieses Mannes geworden, der den Räubern in die Hände gefallen war?« 37 Er sagte: »Der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat.« Jesus antwortete ihm: »So mache auch du dich auf und handle entsprechend!«

BigS 2006 mit einer Veränderung des Gottesnamens, den die BigS in ihrer Schriftausgabe anbietet

Diese bekannte Moral- oder Beispielgeschichte, Exemplum, wie David Flusser sie einordnet, hat eine einfache Erzählstruktur mit einem moralischen Lehrsatz. Wir finden nur eine Erzählebene und keine verborgenen Bedeutungen. Sie ist sofort verständlich und als Leser könnte man den Eindruck haben, die Geschichte habe sich wirklich so zugetragen.

Doch beginnen wir am Anfang der Perikope. Jehoschua debattiert mit einem Kollegen, wie es bis heute – besonders in Jeschiwot – Jeschiwa יְשִׁיבָה = Tora- und Talmudschule, in der man sitzt יושב joschew – üblich ist. Dabei fällt auf, dass der Toragelehrte sehr respektvoll gegenüber Jehoschua ist. Er spricht ihn als Lehrer, Meister oder Rabbi an und erwartet, von dem Gespräch mit ihm zu profitieren. Andere Übersetzungen suggerieren dem Leser eine hinterhältige Fragestellung, die aber auf keinen Fall zutrifft. Wenn dort das hebräische Wort לְנַסּוֹת lenassot verwendet wird, so ist damit gemeint, den Gesprächspartner herauszufordern, um ihn zu geistigen Höhenflügen zu animieren. Das gibt die BigS sehr viel überzeugender wider.

Es geht um die Frage nach dem ewigen Leben. Sicherlich hat der Toragelehrte bereits eine Meinung zu dieser wichtigen und gewichtigen Frage, aber er möchte sie durch diese Debatte bestätigt wissen oder neue Aspekte kennen lernen. Dieses Konzept entwickelt sich im Tanach allmählich, denn am Anfang hinderte Gott den Menschen, zum Baum des Lebens zu greifen.
Gen. 3,22 Und nun könnte er gar seine Hand ausschicken und auch vom Baum des Lebens nehmen und essen und in Weltzeit leben!
Erst in den Psalmen finden sich Hinweise:
Ps. 133,3 gleichso der Tau des Hermon, der sich herabsenkt auf Zions Gebirg: denn dorthin hat ER entboten den Segen, Leben auf Weltzeit.
Der Torakundige weiß aber auch, dass mit dem Sterben nicht alles aus ist, denn schon von Abraham heißt es:
Gen. 25,8 Abraham starb in gutem Greisentum, alt und satt, und wurde zu seinen Volkleuten eingeholt.
Aber wie sieht das Leben in Olam haBa עולם הבא, der auf uns zukommenden Welt aus und wie komme ich dort hin? Diese Frage treibt bis heute nicht nur Gläubige aller Religionen und Denominationen um.

Jehoschua reagiert, wie jeder Jude beim Torastudium in den Jeschiwot oder privat, mit einer Gegenfrage. Dadurch lädt er seinen Gesprächspartner ein, gemeinsam die richtige Antwort zu finden. Und der Toragelehrte antwortet mustergültig mit dem zentralen Satz des Judentums – kein Bekenntnis, sondern eine Bundesverpflichtung -, aus dem Höre Israel שְׁמַע יִשְׂרָאֵל Schma Israel, wo es wörtlich heißt:
Dtn. 6,5 Liebe denn IHN deinen Gott mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele, mit all deiner Macht.
Mit dem Herzen, dem Sitz der Weisheit nach jüdischem Denken, mit ganzer Seele, mit dem ganzen Leben und Sein und mit ganzer Kraft, wobei im Hebräischen gar nicht das Wort für Kraft oder Macht עוז os oder כוח koach steht. Hier steht מְאֹדֶךָ me’odecha, also מאוד me’od = sehr. Gemeint ist, dass wir uns in unserer Liebe zu Gott nicht beschränken, niemals nachlassen, sondern uns sehr bemühen, weil sie uns sehr wichtig ist.
Der Toragelehrte setzt noch das Denken hinzu, was vielleicht seinem pharisäischen Verständnis entspricht, denn in den Gedanken fangen Ärger und Groll an, was im Gebot der Nächstenliebe untersagt ist:
Lev. 19,18 Heimzahle nicht und grolle nicht den Söhnen deines Volkes. Halte lieb deinen Genossen, dir gleich. ICH bins.

Und Jehoschua reagiert wiederum mit dem Wort aus Gottes Mund:
Lev. 18,5 Wahret meine Satzungen und meine Rechtsgeheiße, als welche der Mensch tut und lebt durch sie. ICH bins.
Leben erlangen wir durch das Tun der Gebote Gottes. Sie sind Sein Wille für unser Leben.

Doch das genügt dem Gelehrten nicht. Vielleicht ist er schon selbst gedanklich bis zu diesem Punkt gekommen. Er stellt jetzt eine für ihn entscheidende Frage: Wer ist mein Nächster? Eine Frage, die wir uns auch stellen mögen angesichts der Tatsache, dass mittlerweile unsere Spendenbereitschaft und Hilfe auf der ganzen Welt erwartet wird.

Jehoschua erzählt die uns bekannte Geschichte. Der Weg von der heiligen Stadt Jerusalem hinab – auch im spirituellen Sinn – nach Jericho, war ein anrüchiger Weg in die Stadt des Mondgottes Jare’ach יָרֵחַ = Mond. In dieser Stadt waren Juden wegen des Götzenkultes von beiden Seiten nicht gern gesehen.

Auf diesem Weg nun wird ein unbekannter Mann von Räubern überfallen. Das war sicher nichts Ungewöhnliches. Außergewöhnlich waren eventuell nicht einmal die Passanten, obwohl der Weg in eine verrufene Stadt führte. Es zeigt sich, dass vielmehr ihr Verhalten überaus befremdlich und kritikwürdig war. Ein Priester und ein Levit sind beide mit Aufgaben des Tempels betraut. Beide kennen und halten die Tora, doch sie gehen an dem Opfer einer Gewalttat vorbei! Sicher, sie dürfen einen Toten nicht berühren (Lev. 21). Aber sie vergewissern sich nicht einmal, ob der Mensch wirklich tot oder schwer verletzt ist. Dabei kennen sie so gut wie der Toragelehrte das Gebot der Nächstenliebe, aber sie stellen ihr Amt über den Menschen!
Flusser schreibt: „Das Exemplum selbst war ursprünglich gegen die grausame Übertreibung von Priestern und Leviten bezüglich der rituellen Reinheitsvorschriften gerichtet.“[1]

Priester und Leviten gehörten zu den Sadduzäern und waren der pharisäischen Auslegungstradition feindlich gesonnen. Sie erfüllten alle Gebote, die den Tempel betrafen, minutiös, interessierten sich aber nicht für Fragen, wie sie Jehoschuas Kollegen, den Toragelehrten, bewegten. Sie waren für ihre Korruptheit und Kollaboration mit den Römern bekannt. Ihre fehlende Hilfsbereitschaft lässt sie im wahrsten Sinn des Wortes absteigen, moralisch absteigen!

Dagegen kommt ein Samariter des Weges und hilft dem Verletzten ohne jedes Zögern. Er prüft nicht die Hautfarbe, die Religion oder politische Gesinnung. Er sieht dort lediglich einen Menschen in seinem Blut und mit seinen Schmerzen.

Wer ist der Samariter? Wir erfahren aus dem Tanach, dass die Samaritaner ein Mischvolk sind.
2. Kö. 17,24 Der König von Assyrien ließ nun aus Babel, aus Kut, aus Awwa, aus Chamat und Ssarwajim kommen, daß sie statt der Söhne Jissraels in den Städten Samariens siedeln, die erbten Samarien, sie siedelten in seinen Städten.
Dieses Völkergemisch fürchtete Gott nicht, sodass Gott sie aufrüttelte mit gefährlichen Löwen. Sie verstanden, dass dies ein Wink Gottes war. So schickte der König von Assyrien Priester Gottes zu ihnen, die weggeführt wurden, und unterwies sie im Willen Gottes. Doch in diesem Völkergemisch ging jeder seinen eigenen Weg, und sie begingen Synkretismus, indem sie ihre Götter mit dem alleinigen Gott vermischten. (2. Kö. 17,24ff)

Somit waren die Samaritaner verrufen und bei den Juden ungeliebt und verachtet. Aber ausgerechnet dieser Samariter kennt das Gebot der Menschlichkeit! Er prüft den Zustand des Schwerverletzten, wäscht und verbindet seine Wunden, legt ihn auf sein Lasttier und bringt ihn in eine Herberge. Durch seine liebevolle Fürsorge verbindet er sicher nicht nur die sichtbaren, sondern gleichfalls die seelischen Wunden. Zudem kommt er für alle Kosten auf, die der Herbergswirt für den Kranken gebrauchen wird. Dort wünscht er eine weitere liebevolle Umsorgung des Hilflosen. Heute würden wir den Verletzten in ein Krankenhaus bringen und für die entstehenden Kosten aufkommen.

Der Toragelehrte hat gut zugehört, doch die Frage, die Jehoschua ihm stellt, ist nicht: Wer ist nun der Nächste? Er fragt: Welcher von den dreien wurde zum Nächsten? Schau nicht, wer dir gefällt, wer dir sympathisch ist und immer freundlich zu dir war oder gar deine Ansichten teilt und mache ihn zu deinem Nächsten. Nein, werde du ein Nächster für den, der dich gebraucht, ohne dass du weißt, was er für dich tun kann!

In רֵעַ re’a Nächster, oder wie Martin Buber übersetzt, Weidegenosse, steckt nicht nur רועה ro’e = Hirte, sondern auch רע ra = böse, schlecht. Ein Hirte kann beides sein: umsorgend, hütend wie Gott, der gute Hirte oder böse wie die Hirten Israels (Hes. 34). Der Weidegenosse kann Mitweidender oder Konkurrent sein wie die Hirten Abrahams und Lots. Somit lehrt das Gleichnis, dass ich den guten Hirten in mir aktivieren soll und für den Bedürftigen zum Nächsten werde.

Wer Menschen rettet, kann nicht erst ihr polizeiliches Führungszeugnis anfordern. Wenn ich zum Nächsten werde, gehe ich das Risiko ein, einen Verbrecher zu retten oder einen Selbstmörder, der mir keinen Dank entgegenbringen wird. Jedes Leben ist für Gott wertvoll, darum möchte ER, dass wir Seine Barmherzigkeit weitergeben. Wir werden dadurch in diesem und im kommenden Leben einen unerwarteten Lohn erlangen, denn das ewige Leben hat vor unserem Sterben angefangen.


[1] Flusser, David, Die rabbinische Gleichnisse und der Gleichniserzähler Jesus, 1. Teil, Peter Lang Frankfurt, S. 70

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