Schabbat, 27. März – Sonntag, 4. April 2021 / 14. – 22. Nissan

Wir feiern morgen den letzten Tag des Pessachfestes, der des Durchzugs durch das Schilfmeer gedenkt. Zu diesem Thema habe ich meine Gedanken zusammengetragen in der Predigt für Ostersonntag: http://deine-wurzel.de/gedanken-zur-predigt-exodus-14/

Pessach ist für Juden das wichtigste Fest, da es um die Erlösung geht, die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Laut rabbinischer Tradition waren die Hebräer in Ägypten mittlerweile auf die vorletzte Stufe der Unreinheit herabgesunken, sodass Gott das Exil aus Gnade auf 210 Jahre verkürzte und sie errettete. Pharao und die Götzen Ägyptens wurden ihrer Unfähigkeit überführt, wogegen sich der Ewige als machtvoll erwies. Auch darüber habe ich bereits geschrieben in: http://deine-wurzel.de/paraschat-bo-ex-101-1316/  und in  http://deine-wurzel.de/beschalach-ex-1317-1716/. Beide Texte sind Bestandteil der Pessachfeier am Sederabend.

Vielleicht hat der eine oder die andere schon von dem Lied gehört, das das Erzählen am Sederabend in Gang bringt. Das jüngste Kind stellt in dem Lied folgende vier Fragen:

Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? Ma nischtana ha leila ha‘se

„Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?
In allen andern Nächten essen wir Gesäuert* und Ungesäuert
— diese Nacht nur Ungesäuertes? 
In allen andern Nächten essen wir alle Arten Kräuter
— diese Nacht nur Bitterkraut? 
In allen andern Nächten müssen wir nicht einzutauchen, auch nicht ein einziges Mal
— in dieser Nacht zwei Mal? 
In allen andern Nächten essen wir sitzend oder angelehnt
— diese Nacht alle angelehnt?“

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Die erste Frage wird damit beantwortet, und zwar ausführlich erzählend, dass die Kinder Israel in Hast Ägypten verließen und darum keine Zeit hatten, den Teig säuern zu lassen. Daraufhin gebot Gott, dass wir 7 Tage in Erinnerung daran Ungesäuertes essen sollen.
Ex. 12,15 Sieben Tage lang sollt ihr ungesäuertes Brot essen; gleich am ersten Tage sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern hinwegtun.
Oder wie Paulus es zu Pessach schrieb: 1.Kor. 5,7 Schaffet den alten Sauerteig hinweg, … 8 Darum lasset uns das Fest begehen nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit ungesäuertem Brot der Lauterkeit und Wahrheit.
Die Konnotation mit Gesäuertem als Aufgeblasenheit oder Schlechtigkeit herrscht im Judentum bis heute vor, weshalb so viel Sorgfalt auf das Ausräumen des Gesäuerten gelegt wird.

Auch die zweite Frage wird beantwortet. Die Knechtschaft war so bitter für die Kinder Israel, dass die Bitterkräuter an diese Zeit erinnern sollen. Zudem macht sich jeder Jude bewusst, dass diese Zeit der Bitterkeit, der Unterdrückung und Verfolgung bis hin zur Ermordung der Juden immer wieder Realität wird, denn in jeder Generation steht ein Unterdrücker gegen Juden auf. Das entspricht der Erfahrung in der biblischen wie der nachbiblischen Zeit, was sich zuletzt im Nazi-Pogrom zeigte.

Die letzte Frage weist auf die Zeit der Befreiung hin, denn nur freie Menschen sitzen auf bequemen Polstern und können sich anlehnen. Darum suchte Jesus einen so fein ausgestatteten Raum, obwohl er ansonsten bescheiden lebte und manchmal nicht wusste, wo er sein Haupt hinlegen sollte.
Mk. 14,15 Und er wird euch ein großes Obergemach zeigen, das mit Polstern belegt und bereit ist; und dort bereitet es für uns zu!

Bleibt die Frage: Warum tauchen wir an Pessach zweimal ein? Sie wird am Sederabend nicht beantwortet. Es gibt aber interessante Gedanken dazu von Rabbi Jacobson aus der Chabad-Universität in Monsey / New York, auf die mein Mann mich nach einer elektronischen Vorlesung, die er gehört hatte, hinwies.
Gemäß Rabbi Jacobson schließt sich hier ein Kreis. Er prüft nämlich, wo dieses Wort „eintauchen“ erstmalig in der Tora vorkommt.
Gen. 37,31 Sie nahmen den Leibrock Jossefs, sie metzten einen Ziegenbock und tauchten den Leibrock ins Blut.
Die Brüder Jossefs hatten den verhassten, bunten Rock in das Blut eines Zickleins getaucht und dem Vater zur Begutachtung vorgelegt. Damit brachten sie viel Schmerz und Tränen über ihren Vater. Auch  herrschte fortan eine Kluft zwischen den Brüdern und dem Vater. Erst in Ägypten, als der alte Vater Jaakow seinen Sohn Jossef wiedersah, hatte seine Trauer ein Ende. Somit war der Verkauf des Jossefs der Auslöser für das Exil (die Galut), das schon Abraham vorausgesehen hatte.

Beim Auszug aus Ägypten mussten die Hebräer den gesamten Türrahmen mit Blut von dem Lamm bestreichen, das sie 4 Tage zuvor von der Weide zu sich genommen hatten. Mit diesem Blut, das sie an einem eingetauchten Büschel Ysop an die Türen strichen, sollten sie die ursprüngliche Sünde an ihrem Bruder Jossef wiedergutmachen. Sie sollten im Haus zusammen bleiben, und so den Zusammenhalt der Familie demonstrieren, der bei Jossef zerstört worden war. Sie sollten zeigen, dass sie ihr Leben für dieses Lamm riskierten, das geopfert wurde, denn für die Ägypter war das Töten von Schafen und Ziegen Gotteslästerung.
Sie benutzten ein Büschel Ysop zum Bestreichen der Türpfosten. Dieses Büschel אֲגֻדַּה aguda ist ein Hinweis auf die Einheit untereinander, die wiederhergestellt werden musste. Ohne die Reparatur des Fehlers an Jossef wollte Gott die Kinder Israel nicht ausziehen lassen. Darum musste für die Erlösung diese ganze Prozedur stattfinden. Die Ge’ula, die Erlösung begann mit dieser Korrektur.

Sogar der Ysop אֵזוֹב esow hat seine Bedeutung. In לעזב  la’asow wird ein Laut verschoben, was im Hebräischen möglich ist. Dieses Wort heißt „verlassen“. Gott sagt den Israeliten, dass sie bereit sein müssen, Altes zu verlassen und aufzubrechen in Neues. Jossef wurde damals gezwungen, seine Heimat zu verlassen, um etwa 20 Jahre später Israel vor dem Hungertod zu retten. Nun müssen die Israeliten gemeinsam das altgewohnte, liebgewonnene, wenn auch unfrei machende Ägypten verlassen. Sie müssen in ihre unbequeme, sie herausfordernde Freiheit aufbrechen.
So wie die Ägypter die Kinder Israel loswerden wollten und der Pharao sie letztlich zwang, sein Land zu verlassen, so wollten die Römer auch Jesus, den „König der Juden“, loswerden. Das kann man für das Neue Testament aus dem Ysop ableiten, den man Jesus reichte.
Joh. 19,29 Ein Gefäß voll Essig stand da. Sie steckten nun einen mit Essig gefüllten Schwamm auf einen Ysopstengel und hielten ihm ihn an den Mund.
Auf der rein äußeren Ebene sollten Jesus die Schmerzen verlassen.

Auf ihre Reise nehmen sie die Gebeine Jossefs mit sich: Ex. 13,19 Und Mose nahm die Gebeine Josephs mit; denn dieser hatte einen Eid von den Söhnen Israels genommen und gesprochen: Gewiss wird Gott sich euer annehmen; führt dann meine Gebeine mit von hier hinauf.
Die Gebeine oder Knochen heißen auf Hebräisch עצם etzem. Etzem meint auch den Kern einer Sache, die innere Wesenheit. In den Gebeinen Jossefs liegt also der Kern ihres Glaubens in den Gott Israels. Damit geben diese Gebeine ihnen Halt und Kraft in diesem Loslassen und Verlassen an Gott festzuhalten.

Pessach heißt überspringen von פָּסַח passach = übersprang. Aber warum muss Gott die Häuser der Juden überspringen? ER weiß doch, wo ein Jude wohnt. Dieses ganze Vorgehen war nur für die Menschen gedacht. Sie sollten ihren Auszug vorbereiten, um sich daran zu erinnern und um die notwendige Reparatur für das Verhalten ihrer Vorväter zu leisten. Gott weiß alles und Erlösung kann ER mit einem Fingerschnipp bewirken. Wenn ER aber überspringt, hat das etwas Leichtes, etwas Freudiges. Gott springt von einem Haus zum anderen und freut sich darüber, dass dort ein Jude wohnt, der nun in die Freiheit und zum Berg Sinai geht.

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