Pralle Fülle und Segen im Norden Israels

Schabbat, d. 27. Elul 5781; 4. September 2021

Der Name dieser Parascha ist Nezawim נִצָּבִים, was von dem Verb להתיצב lehitnazew = aufrecht stehen, bestehen abgeleitet wird. Es geht also um mehr als nur ein Herantreten vor Gott oder ein Stehen vor IHM, sondern um ein aufrechtes Stehen, Bestehen vor dem Höchsten. Der Anlass für dieses aufrechte Stehen ist das Hinübergehen לעבור la‘avor in den Bund mit Gott. Dieses Wort hat seine sprachliche Wurzel gemeinsam mit dem Hebräer עברי Iwri = der Grenzgänger. Die damaligen Israeliten, die ja auch Hebräer waren, wurden aufgefordert, noch bevor sie die Grenze des Jordans überschritten, über die Grenze der Unentschlossenheit und des Ungehorsams in den Bund mit Gott als Sein geliebtes und heiliges Volk zu gehen. Nach 40 Jahren in der Wüste hatte Gott sich als sein Schutz und sein Versorger gezeigt, sodass es jetzt erneut vor die Wahl gestellt wird, diesen Bund anzunehmen, der für das Volk Leben bedeutet.

Alle sind deshalb gerufen, von Groß bis Klein, vom Vorsteher bis zum Arbeiter, Mann und Frau, aufrecht und selbstbewusst vor Gott zu stehen. Die Menschen des Volkes werden BundesPARTNER, und sie dürfen aus freien Stücken entscheiden, ob sie diesen Bund wollen oder nicht. Gott hat sie berufen, um zu bestehen, denn von Seiner Seite aus ist das Interesse groß am Gelingen dieses Bundes. Gott möchte, dass Sein Volk lebt. Das kann es nur, wenn es sich seinem Gott mit Haut und Haaren anvertraut, denn von IHM entfernt kann ER sie nicht schützen, weil sie freie Menschen sind.

Heute stehen die Israeliten vor Gott. Heute, das bedeutet, sie stehen jeden Tag neu vor IHM. Die Entscheidung für den Bund entfaltet jeden neuen Tag seine Wirkung neu. An jedem neuen Tag schließen sie neu eine Eidverpflichtung mit Gott ab. Das Wort אָלָה ala, das Buber mit „Droheid“ übersetzt, ist richtiger mit „Eidverpflichtung“ übersetzt, denn es ist neutral. Erst der Kontext macht deutlich, ob es um eine Drohung geht. Gott legte Seinem Volk Segen und Fluch vor, sodass es sich entscheiden kann. Beide Verpflichtungen können mit ala wiedergegeben werden.
Seine Wortwurzel kann אָלָה ala mit Elohim אלֹהִים gemeinsam haben, denn in beiden Worten steckt die Bedeutung „der Höchste“. So ist dieser Eid etwas, das direkt vom höchsten Gott kommt und darum eine Heiligkeit und Würde mitbringt.

Nicht allein mit den anwesenden Israeliten ging Gott diesen Bund mit allen Verpflichtungen ein. Auch die Generationen, die später hinzukommen in diese Bundesgemeinschaft durch Geburt, sind mit angesprochen. Heute, 2021, gibt es ebenfalls Kinder, die in das Volk Israel hinein geboren werden und die hineingenommen sind in den Bund der Väter am Sinai und später kurz vor der Landnahme. Sie alle sieht Gott, der der ewig Präsente ist, bei dem es keine Zeit gibt, als Seine Bündnispartner. Sie alle leben als Angesprochene im Heute und erneuern ihren Bund täglich.

Warum tun sie das? Weil sie auf das Zeugnis ihrer Vorfahren hören, die in Ägypten lebten und den Götzenkult dort hautnah miterlebten. Die Israeliten kannten die Vergottung des Nils, in den ihre Kinder als Opfer hineingeworfen wurden und die Verehrung von Isis und Osiris; sie kannten die Anbetung der Gottheit Heqet, dem zu Ehren keine Frösche getötet wurden, sie kannten den Fliegengott und den Gott Chnum, den Schöpfergott der Ägypter, weshalb sie als Schafzüchter kein Ansehen bei ihren Gastgebern genossen. Gegen all diese Götter hatte Gott die Plagen geschickt, um Sein Volk zu befreien. Nach diesem Götzendienst würde Israel sich nicht zurücksehnen. Andere Götzenverehrung hatten die Israeliten erlebt, als sie durch heidnische Gebiete zogen. War das nicht abschreckend genug? Wenn aber ein Israelit meinte:
Dtn. 29,18 „Ich werde Frieden haben, wenn ich auch in der Verstocktheit meines Herzens wandle!“,
gegen einen solchen Menschen würde Gott mit Droheiden vorgehen, weil er sich in seinem Hochmut sicher wähnte und Gott hinterging. Jeder würde sehen, wie dieser Mensch mit Krankheit, Dürre, Unglück und Plagen umgehen muss, vergleichbar mit Sodom (= begrenztes, für Gott verfeindetes Gebiet) und Gomorra (= gerichtlicher Abschluss), die Gott ausgelöscht und über sie das Urteil gesprochen hatte. Adma (= Erdscholle) und Zbojim (= umgrenztes, territoriales Gebiet) werden in Gen. 14 mit Sodom und Gomorra in einem Atemzug genannt.

Ein Mensch, der sich ohne Akzeptanz der Gebote Gottes zu leben entschieden hat, wird also mit den Flüchen leben müssen, mit dem Entzug des Segens. Sein Leben wird Fragen aufwerfen bei jedem, der ihn und sein Lebensumfeld sieht.
Dtn. 29,23  „Warum hat der ER so an diesem Land gehandelt? Was bedeutet diese gewaltige Zornesglut?“
Die Antwort darauf leuchtet ein, wenn man Gottes Wort und die Heiligkeit des Volkes, in der es leben soll, kennt. Dann braucht Gott die Antwort nicht einmal selbst geben:
Dtn. 29,24  Dann wird man antworten: „Weil sie SEINEN Bund, des Gottes ihrer Väter, verlassen haben, den er mit ihnen schloss, als er sie aus dem Land Ägypten führte; 25 und weil sie hingegangen sind und anderen Göttern gedient und sie angebetet haben, Götter, die sie nicht kannten und die er ihnen nicht zugeteilt hatte. 26 Darum entbrannte SEIN Zorn über dieses Land, sodass er den ganzen Fluch über es kommen ließ, der in diesem Buch geschrieben steht! …“

All das Tun Gottes, all Seine Gebote und Weisungen gelten für alle Zeit für Sein erwähltes, heiliges Volk. ER erwartet von ihm nichts, was ER ihnen nicht offenbarte. Das ist wichtig, denn es steht im Gegensatz zu den Willkür-Göttern, bei denen man nicht weiß, wie man es ihnen recht macht, die man mit Opfern beschwichtigen muss. Gott dagegen legt all Seine Gebote offen vor sein Volk, ebenso die Konsequenzen, mit denen bei Nichteinhaltung des Vertrages zu rechnen ist.

Gott ist ein Gott des Erbarmens. Dieses Erbarmen kündigt ER an, wenn ein Mensch oder gar Sein Volk umkehrt von seinem bösen Weg. Gott selbst kehrt um! Wenn Sein Volk mit ganzem Herzen, aufrichtig Buße tut und umkehrt, dann kehrt auch Gott zu Seinem Volk um! Von Gott heißt es dann: וְשָׁב we‘schaw – er wird umkehren zu denen, nach denen ER sich sehnte. Und ER wird sie sammeln und zurückbringen in das verheißene Land.
Das kann ebenso bedeuten, dass Gott mit Seinem Volk gemeinsam aus dem Exil zurückkehrt, in das ER es verstoßen hat. Das passt zu dem mit-leidenden Vatergott, der Seine Kinder nirgendwo allein lässt.[1] Die Heimgekehrten werden sich vermehren, stärker als ihre Väter vor ihnen. Und Gott wird ihre Herzen beschneiden, damit sie Gottes Wort leichter tun können.
Die Völker, die dachten, Gott habe Sein Volk verstoßen, wie es die Christen in der langen, blutigen Geschichte dachten, die müssen sich warm anziehen. Selbst wenn Gott sie eine Zeitlang für Sein Volk als Züchtigung einsetzte, werden nun, da sie mit ihrer Härte und Unbarmherzigkeit über das Ziel hinausschossen, die Flüche auf sie fallen. Wenn Gott Sein Volk unter die Völker verstreute, so war das hart genug. Die Völker mussten sich nicht als Bestrafer und Züchtiger aufspielen.

Gott erinnert die Israeliten an die Segnungen, die auf die Rückkehrer warten. Alle sind aufgeschrieben in Seiner Tora, Seinem Buch der Weisung. Und so, wie in diesem Buch alles klar und deutlich aufgeschrieben ist, so sind auch alle Gebote den Menschen nicht fern. Sie können gelesen und gelernt werden; sie wurden laut und deutlich verkündigt und erklärt, sodass sie weiter tradiert werden konnten. Und sogar ihre Verschriftlichung, die sich jeder König in Kopie anfertigen muss, kann nachgelesen werden. Niemand muss Furcht haben, ein solches Buch zu berühren. Diese Furcht wurde Katholiken lange Zeit eingeflößt, sodass sie sich nicht selber in der Lage sahen, die Bibel zu lesen und zu prüfen, was ihnen von ihren Kirchenoberhäuptern verkündigt wurde. Es war einer der Verdienste Martin Luthers – bei aller Zwiespältigkeit dem jüdischen Volk gegenüber -, dass er die Bibel durch eine verständliche Übersetzung dem gemeinen Volk zugänglich machte.

Diese Worte Gottes sind weder hoch oben im Himmel noch in der Tiefe des Meeres, wo man sie nicht erreichen könnte. Es muss auch niemand kommen, der sich als Bringer des Wortes vom Himmel ausgibt. Das Wort Gottes ist in den Herzen der Menschen. Dorthin konnten sie es aufschreiben nach Gottes Geheiß (Dtn. 11,18). Gott sagt selber in
Jer. 31,33 Ich werde meine Weisung in ihr Inneres legen und es ihnen ins Herz schreiben.
Darum ist das Wort viel näher als der Mensch denkt, denn es ist in seinem Inneren. Das Wort Gottes ist nicht zuletzt unser Gewissen, das uns immer wieder wachrütteln will, wenn wir es zulassen.

Eines kann der Himmel aber doch: Er kann mit der Erde Zeuge sein für Gott, dass ER Seinem Volk die Spielregeln vorlegte. Der Himmel als Synonym für Gott und die Erde אָרֶץ arez, die verwoben ist mit dem Willen Gottes, denn in ihr steckt sprachlich das Wort רָצוֹן razon = Wille, sind somit geeignete Zeugen für das, was sich „heute“ beim Abschluss des erneuerten Bundes zutrug.

Gottes Präferenz bei der anstehenden Wahl steht fest: Wähle das Leben, damit du und deine Nachkommen unter Meinem Segen lebt!

Am Montag ist der Vorabend des jüdischen Neuen Jahres, Rosch haSchana, zu denen ich Ihnen ebenfalls den Segen Gottes wünsche und zu dem ich meine erklärende Seite sehr empfehle: http://deine-wurzel.de/rosch-haschana-ein-fest-der-bibel-das-nicht-in-der-bibel-steht/
Außerdem finden Sie bei Chabad Karlsruhe einen wunderschönen Kalender mit den Früchten Israels. Sie können ihn gegen eine Spende erwerben. Schreiben Sie Rabbiner Mendelson
https://www.synagoge-karlsruhe.de/templates/articlecco_cdo/aid/445130/jewish/Kontakt.htm


[1] https://www.synagoge-karlsruhe.de/parshah/article_cdo/aid/1607440/jewish/Whrend-wir-im-Exil-sind-wo-ist-G-tt.htm

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