zur Lesung und zur Predigt am Sonntag, 18.04.2021

Hesekiel 34, 1-16.31Johannes 10,11-30
1UND es erging an mich das Wort des Herrn: 
2Menschensohn, weissage wider die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Sollten die Hirten nicht die Schafe weiden?
3Die Milch genießt ihr, mit der Wolle bekleidet ihr euch, und das Gemästete schlachtet ihr; die Schafe aber weidet ihr nicht.
[Sach. 11,16Denn siehe, ich lasse einen Hirten im Lande erstehen, der des Verkommenen nicht achtet, das Versprengte nicht sucht und das Zerbrochne nicht heilt, der das Gesunde nicht versorgt, sondern das Fleisch des Gemästeten verzehrt und ihre Klauen zerreißt.] 
4Das Schwache habt ihr nicht gestärkt, das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden; ihr habt das Versprengte nicht heimgeholt und das Verirrte nicht gesucht, und das Kräftige habt ihr gewalttätig niedergetreten.
5So zerstreuten sich denn meine Schafe, weil kein Hirte da war, und wurden allem Getier des Feldes zum Fraße.
6Auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel irrten meine Schafe umher, über das ganze Land waren meine Schafe zerstreut; doch es war niemand, der nach ihnen fragte, niemand, der sie suchte.
7Darum, ihr Hirten, höret das Wort des Herrn!
8So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr, weil meine Schafe zum Raube und allem Getier des Feldes zum Fraße geworden sind, da sie keinen Hirten hatten, und weil meine Hirten nicht nach meinen Schafen fragten und sie nur sich selbst und nicht meine Schafe weideten,
9darum höret, ihr Hirten, das Wort des Herrn!
10So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten, will meine Schafe von ihnen fordern; sie sollen – dafür will ich sorgen – meine Schafe nicht mehr weiden. Die Hirten sollen nicht mehr sich selber weiden; ich will ihnen meine Schafe aus dem Rachen reißen, sie sollen ihnen nicht mehr zum Fraße werden.
11Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich, ich selbst will nach meinen Schafen fragen, will nach ihnen sehen.
 Jes. 40,11Er weidet seine Herde wie ein Hirte, sammelt sie mit seinem Arm; die Lämmer trägt er an seinem Busen, die Mutterschafe leitet er sanft. 
12Wie ein Hirte nach seiner Herde sieht am Tage des Unwetters, wenn seine Schafe versprengt sind, so werde ich nach meinen Schafen sehen und sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut worden sind am Tage des Gewölks und des Dunkels.
13Und ich werde sie aus den Völkern herausführen und sie aus den Ländern sammeln; ich werde sie in ihre Heimat führen und werde sie weiden auf den Bergen Israels, in den Talschluchten und an allen Wohnstätten des Landes.
14Auf guter Weide werde ich sie weiden, und auf den hohen Bergen Israels wird ihre Trift sein; dort sollen sie lagern auf schöner Trift und fette Weide haben auf den Bergen Israels.
15Ich selber werde meine Schafe weiden, werde selber sie lagern lassen, spricht Gott der Herr.
16Das Verirrte werde ich suchen, das Versprengte zurückholen und das Gebrochene verbinden, das Schwache werde ich stärken und das Fette und Kräftige behüten; ich werde sie weiden, wie es recht ist. 31Meine Schafe, die Schafe meiner Weide seid ihr, und ich, der Herr, bin euer Gott, spricht Gott der Herr.
11Ich bin der gute Hirt; der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. 
12Wer Mietling und nicht Hirt ist, wem die Schafe nicht eigen sind, der sieht den Wolf kommen und lässt die Schafe im Stich und flieht – und der Wolf raubt sie und zerstreut sie -; 
13denn er ist ein Mietling und bekümmert sich nicht um die Schafe.
14Ich bin der gute Hirt und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 
15wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne. Und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. 
16Und ich habe (noch) andre Schafe, die nicht aus diesem Stalle sind; auch sie muss ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirt werden. 
17Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, damit ich es wieder nehme. 
18Niemand nimmt es von mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen. 
19Wiederum entstand eine Spaltung unter den Juden um dieser Worte willen. 
20Und zwar sagten viele von ihnen: Er hat einen Dämon und ist von Sinnen; was hört ihr auf ihn? 
21Andre sagten: Das sind nicht Worte eines Besessenen. Kann etwa ein Dämon Blinden die Augen auftun? 
22Damals fand in Jerusalem das Fest der Tempelweihe statt; es war Winter.
23Und Jesus ging im Tempel in der Halle Salomos umher. 
24Da umringten ihn die Juden und sagten zu ihm: Wie lange lässest du unsre Seele im Ungewissen? Bist du der Christus, so sag es uns frei heraus! 
25Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt es nicht; die Werke, die ich im Namen meines Vaters tue, diese zeugen von mir. 
26 Aber ihr glaubt nicht; denn ihr gehört nicht zu meinen Schafen.
27Meine Schafe hören auf meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir nach.
28Und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. 
29Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand kann sie aus der Hand des Vaters reißen.
30Ich und der Vater sind eins. 
Zürcher Bibel 1931

Der Vergleich beider Texte zeigt, dass es bei Johannes mehr um den Auftrag Jesu geht als um die Schafe.

In Hesekiel zeigt Gott klar auf, was ER von einem guten Hirten erwartet. Aber die Hirten, die sich selbst zu solchen machten, haben allesamt versagt. Es ist ein trauriges, leidvolles Bild, das Gott von seinen Schafen unter der Führung dieser Hirten zeichnet. Kranke, Schwache, Gebrechliche wurden nicht versorgt, geheilt oder gestützt. Ihnen wurden keine Verbände angelegt. Niemand kümmerte sich um sie. Versprengte und Verirrte suchte niemand. Da war keiner, der sie heim brachte. Im Gegenteil: Das Starke wurde niedergetreten und den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen. Sie verliefen sich in ihrer Angst und wurden allein gelassen.
Aber vom Fett der Tiere, von ihrer Milch und von ihrer Wolle lebten die Hirten vorzüglich! Sie ließen es sich gut gehen, achteten auf ihre wohlgefüllten Bäuche und ihren eigenen Reichtum. So waren sie für sich selbst die besten Hirten. Es fehlte ihnen an nichts.

Die bösen Hirten kennt Jesus auch. Bei ihm werden sie Mietlinge genannt. Solche Hirten sind nicht die Eigentümer der Schafe, sondern bekommen nur ihren Lohn. Sie fühlen sich nicht verantwortlich und fliehen eher, wenn Wolf oder Bär die Herde bedrohen.

Bei Hesekiel lässt sich deutlicher die Sozialkritik ablesen. Hirten sind bei ihm die Machthaber, die ihnen anvertraute Menschen ausbeuten. Ihnen sind Kranke und Schwache eine Last. Sie belasten das System, sind nicht produktiv. Wer stark ist, wird als Arbeitskraft ausgebeutet. Das veranlasst den Starken entweder zur Flucht oder zum Aufstand, der dann blutig niedergeschlagen wird. Es sind Zustände wie in der Sklaverei in Ägypten! So hatte Gott sich das nicht gedacht!
Die Könige sollten ihn vertreten, in der Liebe und Fürsorge wie ER handeln und dafür sorgen, dass Sein Volk ein Zuhause im eigenen Land hatte. Aber Gott hatte das Volk ja gewarnt vor einem König: 1.Sam. 8,10 Und Samuel sagte dem Volke, das einen König von ihm begehrte, alle Worte des Herrn 11 und sprach: Das wird die Gerechtsame des Königs sein, der über euch herrschen soll: eure Söhne wird er nehmen, dass er sie für seinen Wagen und seine Rosse verwende, dass sie vor seinem Wagen her laufen, 12 dass er sie zu seinen Obersten über Tausend und zu Obersten über Fünfzig mache, dass sie seine Äcker pflügen und seine Ernte schneiden und dass sie seine Kriegswaffen und seine Wagengeräte machen. 13 Eure Töchter wird er nehmen, dass sie ihm Salben mischen, ihm kochen und backen. 14 Eure besten Felder, Weinberge und Ölbäume wird er nehmen und seinen Dienern geben. 15 Von euren Saaten und Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Dienern geben. 16 Eure Knechte und Mägde und eure schönsten Rinder und eure Esel wird er nehmen und für seine Hofhaltung verwenden. 17 Von euren Schafen wird er den Zehnten nehmen, und ihr selbst müsst seine Sklaven sein.
Es gibt nur einen Ausweg: Die Hirten werden ihres Amtes enthoben. Sie müssen Schadensersatz leisten und müssen sich für ihre Untreue verantworten.
Nun wird Gott selbst das Hirtenamt übernehmen. ER wird bei jedem Unwetter nach den Schafen sehen, und wenn sie sich verlaufen haben, so wird ER sie wieder heimführen und vor jedem Feind erretten. ER sorgt sich um die Schwachen: Jes. 40,11Er weidet seine Herde wie ein Hirte, sammelt sie mit seinem Arm; die Lämmer trägt er an seinem Busen, die Mutterschafe leitet er sanft
ER heilt das Kranke und schützt das Starke. ER führt sie zu saftigen Weiden und rettet sie aus Schluchten.
Psalm 23, 1 EIN Psalm Davids. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
2 Auf grünen Auen lässt er mich lagern, zur Ruhestatt am Wasser führt er mich. 
3 Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechtem Pfade um seines Namens willen. 
4 Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, ich fürchte kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab, der tröstet mich. 
5 Du deckst mir den Tisch im Angesicht meiner Feinde; du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir den Becher voll ein. 
6 Lauter Glück und Gnade werden mir folgen all meine Tage, und ich werde in des Herrn Hause weilen mein Leben lang.

Nur im Ersten Testament findet man so berührende Bilder von Gott als gutem Hirten. Jesus, der seine Heilige Schrift kennt, braucht deshalb das Bild vom Hirten nicht mehr so ausführlich darzustellen, weil er es unter seinen Zuhörern als bekannt voraussetzen kann. Auch in Matthäus und Markus sind Stellen wie Hesekiel bekannt, deshalb heißt es dort:
Mt. 9,36 Als er aber die Volksmenge sah, fühlte er Erbarmen mit ihnen; denn sie waren abgequält und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Mk. 6,34 Und als er ausstieg, sah er viel Volk, und er fühlte Erbarmen mit ihnen, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben; und er fing an, sie vieles zu lehren.

Das Volk ohne geistliche und politische Führung ist ausgehungert wie heute auch. Zu Problemen in unserer Gesellschaft wissen weder die Kirchen etwas zu sagen, und die Politiker sind aus Machtkalkül zerstritten. Das Vakuum wird gefüllt mit Verschwörungstheorien – übrigens auch unter Christen – und mit Nebenschauplätzen wie das Gendern und das „dritte Geschlecht“. In unserem Umfeld finden sich viele enttäuschte Christen, die wahre Hirten vermissen, die nach ihren jüdischen Wurzeln suchen und doch mehrheitlich auf Unverständnis stoßen.
Jesus wusste, dass solche Menschen Unterweisung brauchen, keine sinnentleerten Predigten, die nur schöne Gefühle erzeugen sollen. Paulus sprach davon, dass seine Korinther keine „feste Speise“ vertrugen (1.Kor. 3,2). Aber Jesus hatte seine Juden vor sich, die nach Lehre hungerten! Heute haben Pfarrer keine Heiden vor sich, sondern Christen, die irgendwann in ihrem Leben das Wort Gottes schon einmal hörten; nun möchten sie es verstehen!

Johannes, der sein Evangelium zum Ende des 1./ Anfang des 2. Jhs. schreibt, hat bereits das Zerwürfnis mit der Synagoge im Blick, wie es in V19 zum Ausdruck kommt. Er schreibt an eine Gemeinde von messianischen Juden, die keine Berührung mehr hat mit konventionellen Juden. Die Wirren der Tempelzerstörung und die Notwendigkeit einer Neuorientierung, die dieses traumatisierende Ereignis gerade unter Juden fordert, stehen ihm vor Augen. Die jetzigen messianischen Juden brauchen einen guten Hirten, wie sie ihn aus ihrem Tanach kennen. Jemand muss dieses Hirtenamt übernehmen.
Darum geht es Johannes nun mehr um die Darstellung Jesu und eine Abgrenzung seinerseits von der Synagoge. Er beschreibt sein neues Judentum, das seinen Messias gefunden hat. Johannes ist kein Christ, denn er beschreibt das Pessachfest so genau, dass es seinen Glauben an den rettenden Gott wiedergibt, eben mit der messianischen Komponente, die gerade zu Pessach eine enorme Rolle spielt.
Johannes weiß, dass das Bild von Gott als gutem Hirten sofort vor den Augen seiner Hörer auftaucht. Darum kann er sofort zur Sache kommen und Jesus sagen lassen, dass er das Amt des guten Hirten übernommen hat, da er bereit ist, bis zur Aufopferung seines Lebens für seine Schafe da zu sein. Dabei weitet Johannes Jesu Auftrag aus auf die Schafe, die nicht aus seinem Stall sind, auf die Nichtjuden. Jeder, der auf seine Stimme hören wird, gehört zu seiner Herde. Jesus zeigt sich als der Messias, dem von Gott jedes einzelne Schaf anvertraut wurde.
Jesus, der gute Hirte, hält an seiner jüdischen Tradition und an seinem Glauben fest, denn er geht zum Tempel, um dort das Chanukkafest zu feiern. Auch dort wird er von „den Juden“ angesprochen. Johannes unterscheidet sie nicht, denn für ihn gibt es nur noch die Juden aus der Synagoge und die messianischen Juden. Sadduzäer werden mit Jesus nicht diskutieren, weil sie sowieso nicht an einen Messias glauben. Vor diesen Juden bezeugt er die Nähe zum Vater, die mit der Nähe Gottes zu seinem Diener Mose vergleichbar ist, denn ER redete mit ihm auf sehr intime Weise. Ex. 33,11  Der Herr aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie jemand mit seinem Freunde redet.
Aaron und Miriam weist Gott zurecht mit den Worten:
Num. 12,6 Und er sprach: Hört meine Worte! Wenn unter euch ein Prophet des Herrn ist, so offenbare ich mich ihm in Gesichten und rede in Träumen mit ihm. 7 Nicht so mit meinem Knechte Mose: er ist mit meinem ganzen Hause betraut. 8 Von Mund zu Mund rede ich mit ihm, nicht in Gesichten und nicht in Rätseln, und die Gestalt des Herrn schaut er.
Jesus setzt sich mit Mose gleich, um so das Vertrauen seiner Schafe zu gewinnen. In dieser gefährlichen Zeit ist es jedoch nötig, dass er einen weiteren Schritt geht, den Mose ebenfalls zu tun bereit war, nämlich die Schuld des Volkes auf sich zu nehmen und sich von Gott töten zu lassen. Ex. 32,32 Und nun vergib ihnen doch ihre Sünde! Wo nicht, so tilge mich aus deinem Buche, das du geschrieben hast. 
Doch Mose Aufgabe war es, das Volk in die Freiheit zu führen. Jesus musste unter römischer Herrschaft sterben und so sein Leben lassen für seine Schafe.
Beide, Mose und Jesus, lieben Gottes Volk und sind bereit, als gute Hirten – als solcher hatte sich Mose ganz real bewährt -, alles für dieses ihnen anvertraute Volk alles zu tun. Sie sind eins mit ihrem Vater im Himmel, denn sie hören ihn direkt wie einen Freund zu sich sprechen.

Ich liebe dieses Kapitel des Johannesevangeliums sehr und sehe Johannes als einen, der Jesus nicht seinem Judentum entreißen will, sondern er will Jesus re-integrieren in das nunmehr gespaltene Judentum. Dabei scheint er getrieben von seiner Endzeiterwartung, die zu seiner Zeit ein brennendes Anliegen unter Juden war.

Die Predigt zu Hesekiel 34 finden Sie hier: http://deine-wurzel.de/predigt-hesekiel-34-1-16-31/

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