gelesen am 15.02.2020 / 20. Schwat 5780

Die „zehn Gebote“

In dieser Wochenlesung ging es um den Schwiegervater des Mose, der ein heidnischer Priester war, doch im Mittelpunkt stehen die „Zehn Gebote“.

Und hier fängt schon das erste Missverständnis an, wenn wir uns am hebräischen Urtext, der bis heute in den Synagogen gelesen wird, orientieren. Im Hebräischen heißen diese weltweit wichtigen Sätze einfach „die zehn Worte“. Dabei kann die hebräische Sprache vortrefflich unterscheiden zwischen Geboten, Gesetzen, Weisungen. Warum steht dann dort nicht das Wort für Gebot, מצווה = Mizwa oder חוק für Gesetz?

Wenn wir uns die jüdische Tradition der Zählung anschauen, so ist das erste Gebot:
Exodus 20,2: „Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich aus dem Lande Ägypten, aus dem Sklavenhause, herausgeführt habe.“
Ist das ein Gebot? Ist das nicht eine Feststellung?
Es ist das erste WORT, das Gott den übrigen Worten voranstellt, weil es eine Grundvoraussetzung dafür sein wird, Einsicht in die Notwenigkeit der übrigen Worte zu gewinnen. Dieser Gott fordert nicht, sondern zuerst gibt ER und schafft die Vertrauensbasis. Wann immer du an das Zehnwort denkst, erinnere dich an deine Errettung aus der Not in Ägypten, die ich hörte und aus der ich dich herausführte.

Wenn diese Prämisse angenommen ist, dann kann es weitergehen:
V3 „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“

Doch auch hier wie an den folgenden „Geboten“ müssen wir eine Korrektur aus der hebräischen Sprache vornehmen: Es gibt kein Modalverb „sollen“ im Bibelhebräisch. Das Verb steht im Futur, sodass das Zweite Wort heißt:
Du WIRST keine anderen Götter neben mir haben.

Was bringt uns diese Wortklauberei? Müssen wir nicht in der deutschen Sprache auf unser Modalverb zurückgreifen, damit wir Gottes Forderung als solche verstehen? Welche Ethik vertreten wir, wenn der strenge Aufforderungscharakter im Zehnwort fehlt? Zumal wir auch im Verlauf der Bibel sehen können, dass sich dieses „du wirst“ nie in die Realität umgesetzt hat. Da gab es weiterhin Götzendienst und bis heute wird gemordet.

Aber mal ganz ehrlich: Nur durch unseren strengen Befehl: „Du sollst“ oder „du sollst nicht“ wurden die Gebote auch in unserem Sprachbereich nicht besser eingehalten. Die christliche Kirchengeschichte zeigt eine Menge von Verfehlungen, denn da wurde ohne Not gemordet, nur aus religiöser Überheblichkeit.

Vielleicht ist es eine interessante Herausforderung, wenn wir uns auf das neue Gottesbild einlassen, das uns die Formulierung „du wirst“ vermitteln möchte. Gott erscheint dem jüdischen Volk nicht als strenger, fordernder Despot, als welcher er von Christen im Ersten Testament verstanden und fälschlich zum Neuen Testament kontrastiert wurde. Gott erscheint seinem geliebten Volk als Retter und Erlöser, als derjenige, der für ein gelingendes Leben Angebote unterbreitet. Diese werde ich annehmen und tatkräftig in mein Leben integrieren, wenn ich mich daran erinnere, dass dieser Gott es gut mit mir meint, dass ER mich zum Leben führen möchte und mir die Lebenshilfen zeigt, die ich brauche, um mir nicht meine eigene Hölle zu schaffen, um nicht des erfüllten und reichen Lebens verlustig zu gehen.
Wenn Gott später im Buch Deuteronomium sagen wird, dass ER dem Volk Segen und Fluch vorlegt, so muss man verstehen, dass Segen die Nähe zu Gott darstellt inmitten der weltlichen Unbill. Fluch entsteht nicht durch ein aktives Verfluchen Gottes, sondern meint lediglich den Mangel an Segen.
Wenn es regnet und ich nass werde, dann ist das weder Fluch noch Strafe, sondern ein mir mangelnder Regenschirm. Wähle ich aber, den mir angebotenen Regenschirm zu benutzen und zu öffnen, und mich natürlich auch darunter zu stellen, dann bin ich geschützt und bleibe trocken.

Einen so liebevollen Vatergott kennen die Juden von Anbeginn, einen Gott, der sie rettet, beschützt, auf dem Weg führt, den sie wählen, denn es gibt eben die Freiheit der Wahl. Die Weisungen in den zehn Worten und dem gesamten Bundesbuch wollen getan, gehört und verstanden werden. In dieser Reihenfolge stimmt das Volk dem Ruf Gottes zu.

Die Grundvoraussetzung, nur an einen Gott zu glauben und die Götzen im Leben auszutreiben, ist die Einsicht in das Wesen Gottes und in sein vertrauen-stiftendes Tun.
Die Grundvoraussetzung, um nicht zu MORDEN (nicht: töten), liegt in der Anerkennung des gemeinsamen Schöpfergottes, der jeden einzelnen Menschen zu seinem Ebenbild schuf und uns als Geschwister miteinander verband. Es ist sehr wohl die Aufgabe des Menschen, Hüter seines Bruders zu sein.

Der Gott der hebräischen Bibel traut dem Menschen zu, die richtige Wahl zu treffen. ER bietet sich nicht als dunkle Folie für einen angeblich anderen Gott im Neuen Testament an, wie ich es leider bis in unsere heutigen Tage immer wieder gehört habe. Hier können wir also mit einer hilfreichen und bereichernden Korrektur des Bibelverständnisses beginnen, falls wir es noch nicht getan haben.

Weitergehende Ausführungen zur Parascha sind auf der folgenden jüdischen Seite zu finden:
https://www.synagoge-karlsruhe.de/parshah/article_cdo/aid/1755225/jewish/Die-Zehn-Gebote-und-ihre-Tiefere-Bedeutung.htm

Wenn dir mein Beitrag gefällt oder du einfach jüdisches Leben in Deutschland unterstützen möchtest, lege ich dir die Chabad-Gemeinde in Karlsruhe ans Herz. Bitte spende für sie, damit immer mehr Juden zurückfinden in ihr Judentum und eine Heimat in dieser Gemeinde finden.
https://www.synagoge-karlsruhe.de/templates/articlecco_cdo/aid/445141/jewish/ber-uns.htm

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